Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 74
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0074
74 Epiſteln und Reiſebilder. II.

gann die Unterſuchung. Nur wenig Bücher lagen zerſtreut um⸗
her, aber in langen Bündeln glänzten und gleißten die Doku⸗
mente, ſiegelbehangene Urkunden, ganze Pergamentfaſzikel...
ein Archivrat wäre in Ohnmacht gefallen! Ich hatte einen Teil
des Haus⸗ und Familienarchivs der Madruzzen vor mir, ſamt
den Protokollen der Schloßhauptleute und Rentamtmänner,
den Statuten des Territoriums uſw.
Schaben, Käfer, Mäuſe, Ratten und andere Inſekten hatten
ihre Schuldigkeit getan. „Höh, höhh,“ rief der Schloßbauer,
da er einen Griff hinein tat und eine Handvoll in Schnipfel
und Fetzen zernagter Papiere vorzog, die auseinanderfielen wie
Staub, „si potrebbe far polenta di queste cartaccie!“
Der Gnom mit den Schlüſſeln wollte wieder ſchließen. Ich
aber bemerkte ihm, daß man dieſe roba nicht bloß anſehen
könne wie Tiere einer Menagerie, und um ſein Gemüt zu
ſänftigen, ließ ich durch Stefanus einen gewaltigen Steinkrug
roten Weines und einen Laib Brot beiſchaffen. Unter dieſen
Verhältniſſen konnte die Sitzung fortgeſetzt werden. Der Gnom
aber war argwöhniſch geworden und tat ſeine Hüterpflicht mit
rühmenswerter Treue; und wie ich einmal den Heiratsvertrag
Herrn Ludwigs von Madruzz mit der ehrſamen Jungfrau
Helena von Lamberg in die Fenſterniſche gelegt ſtatt in den
Schrank zurück, ſprang er bei wie ein Teufel und ſprach „scusi,
Signore!“ und legte das Dokument zurück.
Es waren bunte Bilder vergangener Zeit in dieſen Ur⸗
kunden.
Ein rieſiges Kopialbuch auf Pergament, in der langgedehn⸗
ten Mönchsſchrift begonnen und ſpäter lesbar fortgeſetzt, ent⸗
hielt die Abſchrift ſämtlicher Urkunden über den Erwerb der
unzähligen Liegenſchaften, die das Territorium der Madruzzen
bildeten, über Bau und Reſtauration des Schloſſes uſw., es
mag gegen 1000 Seiten enthalten.
Eine Maſſe Notariatsakte geben Aufſchluß über Ehverträge,
Keſtamente und Inventarbeſtände im XVI. und XVII. Jahr⸗
undert.
Gerichtliche Akten, von Abwandlung der Forſt⸗ und Wald⸗
frevel an bis zu ſchweren Kriminalprozeſſen die Hülle und
Fülle; auch etliche Privatkorreſpondenzen des Kardinal Chri⸗
ſtoph Madruzz mit Fürſten und Herren ſeiner Epoche .. . es
kam eine ſtarke Verſuchung über mich, ein Originalſchreiben


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