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Gedenkbuch. 75
eines Pfalzgrafen Wilhelm bei Rhein, Kurfürſt von Bayern,
an den Kardinal, Einladung zu einer Beſprechung in Inns⸗
bruck, da er propter morbi et medicorum vexationes ihn nicht
in Trient beſuchen könne, auszuführen; das Siegel mit dem
Löwen und den Feldern ſamt der eigenhändigen Unterſchrift
„Guglielmus“ war gar zu verlockend, es dem Geſchichtſchreiber
der Pfalz*), als Wahrzeichen der Studien des Meiſter Joſe⸗
phus vom dürren Aſt zu überſchicken ... aber es bedurfte des
Blicks auf den Gnomen nicht, um mir zu ſagen, daß ich kein
Recht hatte, es dem Zahn der Ratten zu entreißen.
Die Kommiſſion verlangte auch über dieſen Schrank nähere
Aufklärung. Da verſammelte ich die drei Männer am Tiſch
um den Weinkrug.. . Es war ein ſeltſames Bild, wie ſolches
wohl bei wenig archivaliſchen Unterſuchungen ſich wiederholen
wird; der Schloßbauer auf eine Senſe gelehnt, der Gnom mit
ſeinem ſchauerlichen Schlüſſelbund, Stefanus mit broterfüll⸗
ten kauenden Backentaſchen.. und ich griff das Protokoll⸗
buch des ehrenwerten Schloßhauptmann Scratimperger und
ſprach: „itzt gebt acht, wie es zu Zeiten der großen principi
Madruzz zuging,“ und las ihnen vor, wie der ſeine Bauern
gezwiebelt; wegen Fällung eines Bäumleins im Schloßpark
ſoviel Gulden, wegen Fiſchen in der Sarca ſoviel, wegen
Laub⸗ und Streuſammeln ſoviel, und wenn ein bekannter
Name kam, ein Piſon oder Naneto von Madruzz oder ein So⸗
undſo von Calavin, da lachten die drei Männer laut auf und
freuten ſich ſeines vorzeitlichen Geleimtwerdens mit einſtim⸗
migem „Höh, höhh!“ .
„Und jetzt wollen wir drauf anſtoßen, daß die Zeiten vor⸗
bei ſind!“ fuhr ich fort, und ſie hatten ihre Gläſer gefüllt und
tranken ſie aus, aber mit der Bemerkung, daß es zwar hier
oben vorbei ſei, aber drunten in Vezzano noch nicht ganz. In
Vezzano iſt das Bezirksamt.
Die Sonne war untergegangen und Lichter keine in des
Schloßbauers Beſitz. Da ſtand ich im Dämmerſchein prüfend
vor dem Madruzzenſchrank und ſprach zu mir ſelber: „Sollſt
du dich nicht etliche Wochen ganz ſtill hinſetzen und in Gegen⸗
wart dieſer Ehrenmänner oder auch ohne ſie exzerpieren, daß
die Haare vom Kopf fliegen, um dann vor die erſtaunte Welt
*) Profeſſor Ludwig Häuſſer in Heidelberg.
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