Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 81
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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 81

Ausflug in die von Touriſten und Bergfahrern ſehr wenig
beſuchten und gekannten Alpen der Dauphiné, dem ich eine
Reihe der eigentümlichſten, für immer in der Erinnerung haf⸗
tenden Eindrücke zu verdanken habe.
Eine zehnſtündige Diligencefahrt führte uns durch die weite
fruchtbare Ebene des linken Rhoneufers von Lyon dem Ge⸗
birge entgegen.
Schon vom Obſervatorium bei der Kirche Fourvières in
Lyon hatte ich ſehnſüchtig nach den fernen Alpen geſchaut, na⸗
mentlich nach einigen ſchneebedeckten Häuptern direkt öſtlich von
jenem Standpunkt. Dieſe hoben ſich jetzt, je länger die Fahrt
auf luftiger Imperiale dauerte, immer deutlicher vor den Blik⸗
ken, und trotz der Nachläſſigkeit unſeres Kondukteurs, der ſich
in Lyon einen jener wohlfeilen „Eiſenbahnbibliothekromane“,
wie ſie in allen franzöſiſchen Bahnhofreſtaurationen in reich⸗
licher Fülle aufliegen, für einen Frank gekauft hatte und vor⸗
zog, den Kataſtrophen zu folgen, die Graf Raouſſet⸗Boulbon,
der Abenteurer von Sonora und Verfaſſer der „Kon⸗
verſion“, ſeiner Phantaſie vorführte, anſtatt auf Roſſe und
Wagen acht zu haben, kamen wir glücklich in Voreppe an.
Voreppe iſt ein freundliches Gebirgsneſt, überragt von hohen
Gipfeln, deren einer, der pic de Chalais, in ſeinen Abhängen
das Dominikaner⸗Klöſterlein Notre Dame de Chalais birgt,
das der Pater Lacordaire dort in luftiger Höhe gegründet.
Ein über mächtige Steinblöcke hinſchäumender Bach mit einer
alten Brücke, zur Rechten auf einer Felsterraſſe das ſtattliche
Pfarrhaus, deſſen Garten im reichſten Blumenſchmuck prangte,
unweit davon der Kirchturm, aus den Zypreſſen und Pappeln
des Kirchhofs herüberſchauend — gewährten ein anmutiges
Landſchaftsbild. In Voreppe verließen wir den Eilwagen und
gingen noch in kühler Abendſtunde durch ein Seitental nach dem
Alpenſtädtchen Saint Laurent du point unweit bei der ſavoyi⸗
ſchen Grenze.
Ich war angenehm überraſcht, in dieſen franzöſiſchen Alpen
dieſelben Bergformen, dieſelbe Vegetation, denſelben Charak⸗
ter vorzufinden wie an den ſüdlichen Abhängen des Sankt
Gotthard und am Comer See: langgeſtreckte Kalkwände von
weichem, ſamtartigem Grün überwachſen, reicher Pflanzen⸗
und Baumwuchs, keine langweilig eintönigen Tannenwälder,
friſch rauſchende, kühn überbrückte Gebirgsſtröme, Fernſichten
Scheffel. VIII. 6 G


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