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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 83
auf einer Reihe von kühn gewölbten mittelalterlichen Mauer⸗
bogen längs des Abgrundes hinzieht, der wie eine Nadel ſenk⸗
recht und iſoliert aufſteigende rocher de l'Oeillette und die
maleriſchen Reſte einer alten Befeſtigung — alles von üppigen,
rieſenhaften Buchen, Tannen, Platanen überſchattet und aller⸗
hand Buſchwerk und Schlinggewächs, wilden Roſen und Cyti⸗
ſus umrankt — eine Vegetation, reich und kräftig wie in
den amerikaniſchen Wäldern. Eines Landſchafters Gemüt
müßte hier warm werden und ſich Wochen und Monate
wünſchen, um mit Malkaſten und Leinwand hier zu arbeiten;
es möchte wohl ein flottes Bild werden, dieſer bergan ſich win⸗
dende Felspfad auf ſeinen Brückenbogen, mit dem querdurch⸗
ſchneidenden zinnengekrönten Mauertor und der einſam auf⸗
ſteigenden ſpitzen Felspyramide... auf der ſonnenbeleuchteten
gelblichten Bergwand im Hintergrund hebt ſich das dunkle Ge⸗
mäuer des kleinen Befeſtigungswerks pittoresk ab, vorn im
Halbſchatten, von einzelnen Streiflichtern der Morgenſonne
durchblitzt, das ſaftige Waldesgrün und die Tiefen des Ab⸗
grunds und als Staffage etwa ein Trupp kalviniſtiſcher Rei⸗
tersmänner, ſo wie ſie im Jahre 1562 unter des Barons
Des Adrets Führung wider das Kloſter ritten, oder die Kom⸗
miſſäre des Jahres 1792 in der trikoloren Schärpe, wie ſie mit
ihren Sanskulotten die Ordensmänner gefangen aus der Ein⸗
ſamkeit abführen.
Nach dreiſtündigem Marſch führte unſer enger Pfad in ein
weites Wieſental; graue, ſeltſam geformte, ineinandergebaute
Schieferdächer wurden zwiſchen den Bäumen ſichtbar, lange
Gebäude, Umfaſſungsmauern mit vorſpringenden Ecktürmen,
der Turm einer Kirche, eine Reihe einzelner wie Soldaten in
Reih und Glied ſtehender Zellenhäuslein... eine ſeltſam fremd⸗
artige Anſiedlung.
Wir ſtanden vor dem Tore der grande Chartreuse, der
großen Kartauſe, der Wiege des ſtrengen, ſtillen Kartäu⸗
ſerordens, darin jetzt noch über vierzig Ordensmänner in un⸗
wandelbarem Schweigen der Betrachtung göttlicher Dinge ein
aſzetiſches Leben weihen. — Eine einſamere Wildnis war
auch ſchwer auszuſuchen, um von der Welt ungeſtört ein Aſyl
der Kontemplation zu gründen. Von allen Seiten ragen ſenk⸗
recht die noch von vielem Schnee umhüllten Alpenwände em⸗
por, reicher, gewaltiger Wald umſchließt das Kloſter und zieht
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