Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 84
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0084
84 Epiſteln und Reiſebilder. II.

ſich weit bis in die Berghöhen empor.. . und alles ſchweigt,
nur die Nachtigall in den Linden des Vorhofs iſt noch kein
Kartäuſer worden und ſingt luſtig und klagend ihr ſchmelzen⸗
es Lied.
Man muß ſich unbefangen in das Mittelalter mit ſeinen
wild tobenden Leidenſchaften und ſeinen friedebedürftigen Ge⸗
mütern, in jene Welt voll Scholaſtik, Parteizank und Schisma
zurückdenken, um die Motive zu verſtehen, die einen Mann der
damaligen Kultur, wie Sankt Bruno, aus dem Strom der
Weltlichkeit heraus in die Einſamkeit ſtießen. Er war ein
echter Sohn ſeiner Zeit, dieſer Bruno Hartenfauſt aus Köln,
deſſen Name, wie einer ſeiner modernen Lebensbeſchreiber ſagt,
eine ſehr wenig romantiſche Phyſiognomie zu tragen ſcheint
. .. ein germaniſches Gemüt, das in die Tiefen der Wiſſen⸗
ſchaft eintaucht, um ſeinen Gott darin zu finden und feſtzu⸗
halten, das dann in den Wirren und Kämpfen des Lebens
von Enttäuſchung zu Enttäuſchung vorwärts gejagt wird und
ſich ſchließlich, abgehetzt und verbittert, ganz auf ſich ſelbſt
und die ſtärkende Kraft einſamer Natur und einſamen Den⸗
kens zurückzieht, um aus ihr wenigſtens ein Stück des ver⸗
lorenen Friedens wieder zu gewinnen.
In jener unruhigen, von Schwertſchlag wie von ſcholaſtiſcher
Klopffechterei widerhallenden Zeit des elften Jahrhunderts ver⸗
lief auch der geiſtlichen Männer Leben nicht ſo glatt und
friedlich wie heutzutage. Ein wohlerzogener Sohn der Kirche,
hatte der junge Bruno ſein Trivium und Quadruvium durch⸗
laufen, an den Kloſterſchulen zu Sankt Kunibert in Köln, zu
Reims und bei dem wegen verdächtiger Doktrin ſpäter ſo ſehr
verfolgten Berengarius von Tours; er hatte in den damaligen
Wiſſenſchaften und ſelbſt in dem, was man damals Poeſie
nannte, ſeine Erfolge aufzuweiſen; er hatte unter großem Zu⸗
lauf in Stadt und Land gepredigt, und der Ruf ſeiner Tüch⸗
tigkeit veranlaßte den Biſchof Gervaſius von Reims, den ehe⸗
maligen Zögling der dortigen Anſtalt als Kanonikus und „Mo⸗
deſaior der Stadt⸗ und Diözeſanſchulen an ſein Stift zu be⸗
rufen.
Aber daß die weltliche Herrſchaft der Hierarchie, um ſich zu
behaupten, noch andere Künſte und Mittel im Schwung führt,
als die der apoſtoliſchen Zeit — darüber ſtund ihm noch bevor,
ſeine bittern Erfahrungen zu machen. Manaſſes II. hatte durch


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