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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 87
erſchien und geleitete uns in das dem Empfang der Pilgers⸗
männer beſtimmte Hoſpitium.
Die Fremden werden, nach der alten kirchlichen Provinzial⸗
einteilung, je nach ihrer Nation in verſchiedenen Sälen emp⸗
fangen, z. B. Burgunder und Aquitaner uſw. Da ſich deutſche
Wanderer ſo ſelten in dieſe Höhe verlieren, iſt für ſie nicht be⸗
ſonders vorgeſehen, und wir wurden in den Saal der Fran⸗
zoſen geführt, nach ehrwürdig alter Kloſtergaſtfreundſchaft ſo⸗
fort ein Feuer im Kamin angezündet und ein wärmend feiner
Likör zum Willkomm dargebracht.
Nach Ruhe und Ausraſtung der müden Glieder erſchien der
père Gérésime, dem die Sorge der Fremden obliegt, und brachte
in einer verſchloſſenen Holzkiſte, ſo wie ſie jedem Ordensbruder
mittäglich zum Schiebfenſter ſeiner Zelle hineingereicht wird,
unſer Mittagmahl: ein reichlich klöſterliches diner maigre
von Fiſchen, Mehlſpeiſen, Eiern, köſtlichen Südfrüchten und
gutem Wein.
Inzwiſchen zogen ſchwere Regenwolken über die Berge, die
Nebel wallten und ſpielten um die vergitterten Fenſter; — für
uns Weltkinder, die ſeither nach genommener Mahlzeit in ei⸗
nem menſchendurchwimmelten, gasflammenerleuchteten Café
am Rhonekai zu Lyon zu ſitzen pflegten, war's ein düſterer
Eindruck, jetzt im feuchten Kloſterſaal die Füße ans Kamin⸗
feuer zu ſtrecken und das einförmige Plätſchern der Spring⸗
brunnen im Hofe zu belauſchen, das vom Schall dumpf auf
die Dächer niederſchlagender Regentropfen melancholiſch un⸗
terbrochen ward.
Der freundliche Kartäuſer bot uns von freien Stücken Nacht⸗
quartier im Kloſter an und lud uns zu einem Rundgang durch
die weiten Gebäude ein.
Die Kloſterkirche hat über dem Eingang zum Chor eine ſchöne
Gruppe einer Pietà; — an den Wänden eines Korridors, der
zum Kapitelſaal führt, waren die Bauriſſe und Abbildungen
ſämtlicher Kartauſen der Chriſtenheit zu ſehen. Der père
Gérésime, der aus unſerer Sprache die Heimat erriet, zeigte,
daß auch Deutſchland mit einer Kartauſe verſehen ſei, denn
unter der Rubrik Germania fand ſich „Ittingen in pago Thur-
gow“ konterfeit; aber wir bedauerten, ihm die Auskunft er⸗
teilen zu müſſen, daß der Kanton Thurgau ſeit einiger Zeit
aufgehört habe, ein Beſtandteil des heiligen römiſchen Reichs
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