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88 Epiſteln und Reiſebilder. II.
deutſcher Nation auszumachen, und daß nach der Behandlung,
die den übrigen Klöſtern im Land Helvetien neuerdings zuteil
geworden, wohl kaum anzunehmen ſei, daß die Kartauſe It⸗
tingen ſich noch im geiſtlichen Stand befinde. L
Der Kapitelſaal, in welchem ſich von Zeit zu Zeit die Supe⸗
rioren ſämtlicher Klöſter des Ordens zu Beratung gemein⸗
ſamer Angelegenheiten einfinden, enthält eine bedeutende Sta⸗
tue des heiligen Bruno von der kunſtreichen Hand Foyatiers,
deſſen Spartacus wir ſchon im Muſeum zu Lyon geſehen; —
um die Wände reihen ſich die Porträts der fünfzig erſten Or⸗
densgenerale, eine Sammlung von Köpfen, bei deren ſcharfem
Ausdruck ein Phyſiognomiker viel lehrreiche Betrachtungen über
die Umprägung des menſchlichen Antlitzes durch fortgeſetzte
Aſzeſe anſtellen könnte.
Der Hauptſchmuck des Saales aber ſind die Kopien von Eu⸗
ſtach Le Sueurs berühmten Bildern aus dem Leben des heili⸗
gen Bruno, deren Originalien in Paris prangen.
Er hatte ſich's nicht gedacht, der Meiſter Euſtach, Simon
Vouets farbengewandter Schüler, da er unter den Mauern der
Kartauſe von Paris den Degen zog, um mit einem übermütigen
Edelmann einen Waffengang zu tun, daß er ſelber ein Kartäu⸗
ſer werden und ſeinen Pinſel fortan zur Verherrlichung des
Ordensſtifters führen werde... aber auch die Kunſt hat ihre
gewieſenen Wege zur Einſamkeit und Aſzeſis.
Von Kapitelſaal geht's in den großen Kreuzgang, in welchen
die Zellen der Mönche ausmünden; dieſe Zellen befinden ſich
nicht im Zuſammenhang eines großen Gebäudes, ſondern eine
jede iſt ein ſelbſtändiger Anbau, ein Häuslein für ſich, ent⸗
haltend zwei Gelaſſe, darin ein Raum zum Gebet und ein
Studierzimmer abgeteilt ſind; im untern Stockwerk aber, das
ein kleiner Garten umgibt, eine Werkſtatt, um durch die An⸗
ſtrengungen der Handarbeit die ſchädlichen Folgen ſitzender
Lebensart fernzuhalten. Eine Niſche in der Mauer des Kreuz⸗
gangs bezeichnet den Platz, darin den Ordensbrüdern ihre
magere Mahlzeit deponiert wird; über der Türe iſt ein lateini⸗
ſcher Spruch aus der Bibel oder den Kirchenvätern angeſchrie⸗
en.
Dröhnend hallten unſere Schritte durch den ſchweigenerfüll⸗
ten Gang, aus deſſen Mitte wir in den Kirchhof hinabſchauten
— der tägliche Anblick der Ordensmänner, wenn ſie zur Kirche
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