Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 89
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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 89

gehen. Ungeſchmückte Grabhügel decken ihre ſterblichen Reſte,
nur die Gräber der Ordensgenerale ſind mit einfachen Stein⸗
kreuzen in Form eines zuſammengefügten Baumſtamms ge⸗
ſchmückt.
Die Kapelle der Toten, die Kapelle Ludwigs XIII., das
Refektorium, das an den Sonntagen die Brüder zu gemeinſam
ſchweigendem Mahle vereinigt, die Bibliothek und noch manches
andere wurde uns gezeigt.
Ein abendlicher Gang führte uns wieder aus dem beengen⸗
den Kloſterbann hinaus in die wundervoll grünenden Wälder
der Umgebung mit ihren Steinbrüchen, Waſſerleitungen, Tei⸗
chen, ſchattigen Zickzackwegen ... zu der in abgeſchiedener Wald⸗
einſamkeit gelegenen Kapelle Notre-dame de Casalibus und
dem auf tannumſchattetem, ſteilem Felſen gebauten Kirchlein
des heiligen Bruno, dem Ort, wohin er ſich, wenn es ihm
beim Bau der Kartauſe unter ſeinen ſechs einſiedleriſchen Ge⸗
fährten noch nicht einſam genug war, zurückzuziehen und beim
Gemurmel einer nahen Quelle dem Gebet obzuliegen pflegte.
üÜber die Freskomalereien im Innern des Kirchleins ſei in
dieſem Bericht ein ſtreng kartäuſiſches Schweigen beobachtet.
Aber ein lebendes Bild von eigentümlicher Wirkung mag es
ſein, wenn die ſämtlichen Ordensbrüder, wie es im Sommer
etlichemal zu geſchehen pflegt, in ihren wallenden weißen Ge⸗
wändern paarweiſe den Fußſteig heraufgewandelt kommen, um
ihrem Stifter eine Meſſe zu halten — ein langer, ſchweigen⸗
der Zug durch den grünen Wald.
Der Laienbruder hatte uns die Abſchrift eines Gedichtes
gegeben, das Herr von Lamartine einſt hier oben improviſiert.
Ich bin ſonſt kein ſchwärmender Verehrer jener auf hohem Ko⸗
thurn ſchreitenden melancholiſchen Muſe, aber hier war ſie dem
Ernſt und der rührend gewaltigen Natur des Orts homogen.

. . paisibles habitants de ces saintes retraites,
Comme au pied de ces monts, on priait Israel,
Dans le calme des nuits, des hauteurs on vous êtes,
N'entendez-vous donc rien du ciel?

9„

Ne voyez-vous jamais les divines phalanges
Sur vos dômes sacrés descendre et se percher?
N'entendez-vgus jamais des doux concerts des Anges
Rétentir l'écho du rocher?


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