Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 90
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0090
90 Epiſteln und Reiſebilder. II.

— Die Frage klang ſo einfach und natürlich, wenn das Auge
ſich emporwandte zu den hoch über dem ſchweigenden Wald
in den Ather ragenden Alpenkuppen, daß ich ſelber, trotz der
ſchlimmen philoſophiſchen Impfung, die ein deutſcher Organis⸗
mus in ſeiner Jugend zu erdulden hat, nicht darüber erſtaunt
wäre, wenn ich auf den felſigen Wänden ob meinem Haupt die
himmliſchen Heerſcharen auf⸗ und niederſteigend erſchaut und
den verklingenden Widerhall ihrer Geſänge vernommen hätte
. .. Ein reichliches Kloſtermahl verſammelte uns in ſpäter
Abendſtunde wieder um das Kamin des Fremdenſaales. Ein
feiner piemonteſiſcher Offizier leiſtete uns Geſellſchaft; er war
herübergereiſt, um einem Verwandten, der ins Kloſter ein⸗
treten wollte, das letzte Geleit zu geben, und deutete uns deſ⸗
ſen Geſchichte an: das Schickſal hatte es jenem zurzeit jüng⸗
ſten Novizen des Kloſters gefügt, daß er einem Freund und
Waffengefährten erſt gegründete Urſache gab, an der Treue
ſeiner Frau zu zweifeln, und ihn ſodann im Zweikampf tö⸗
tete ...allerdings Grund genug, um reuig und ſchweigend ſich
für den Lebensreſt ins Mönchsgewand zu hüllen.
Der leichte weltmänniſche Ton unſeres Erzählers, deſſen
Wachstuchregenmantel, Firnisſtiefel und elegante Handſchuhe
in ſcharfem Kontraſt zu den Kutten und Sandalen unſerer geiſt⸗
lichen Quartiergeber ſtanden, verſetzte uns aus der Kloſterſtille
hinüber in das frivole Treiben der modernen Salons...das
graziöſe Liedchen „la donna è mobile“, das aus irgendeiner
Verdiſchen Oper dem Turiner Kavalier bis hierher gefolgt
war und das er unaufhörlich trällerte, klang wie ein Sirenen⸗
ton an der Stätte des ewigen Schweigens, von der ſich übrigens
unſer piemonteſiſcher Gefährte auch ſehnlichſt hinüberwünſchte
zu den Sängerinnen, Tänzerinnen und ſchönen Frauen ſeiner
Hauptſtadt.
Zum Nachtlager wurde jedem von uns eine Zelle angewieſen:
vier kahle weiße Wände, ein rauhes Bett, ein Betpult mit
Kruzifix und kleinem Schrank — und alles in ſtrengem
Schweigen, das war das Nachtquartier der grande Chartreuse.
Um Mitternacht aber tönte die Glocke, der poèͤre Gérésime
erſchien, uns zu wecken; wir wurden in die Emporkirche geführt,
dem nächtlichen Gottesdienſte beizuwohnen. In ſchwarzer Fin⸗
ſternis lag alles, nur ein leiſer Schein der ewigen Lampe fiel
auf die Marmorgruppe der Pietà, und eine Bewegung im Chor


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