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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 91
meldete die Anweſenheit der Ordensmänner. Dann hörte man
eine rauhe Hand dreimal auf die Bank vor den Stühlen klopfen
— und ein ſtrenger, ſchauerlicher Geſang hub in dem finſtern
Chor an, als wäre die Unterwelt aufgetan und die Toten re⸗
deten von den Dingen der Vorzeit. Dann wurden die Laternen
angezündet, und man ſah die weißen Kutten, von der Kapuze
das Haupt verhüllt, in ihren Chorſtühlen ſitzen und aus den
großen Pſalmbüchern ihre mitternächtlichen Antiphonien be⸗
ginnen. Meiſt war es einer, der vorſang, die andern fielen im
Chor ein: oft unterbrach ein viele Minuten andauerndes ſchreck⸗
liches Schweigen den Geſang, die Lichter erlöſchten, Finſternis
des Grabes und Todes deckte die Kirche, bis wieder eine kla⸗
gende Stimme, wie die eines Rufers aus der Wüſte, die Litur⸗
gie fortſetzte.
Es war ein gräßlich ernſter, geſpenſtiger Eindruck; die ewige
Lampe warf ihre Schatten an die weiße Wand der Empor⸗
kirche und zeichnete oft in fratzenhafter Vergrößerung die Sil⸗
houette einer Mönchskapuze oder die Geſtalt eines Fortwan⸗
delnden, der das Kreuz ſchlug.
Wir blieben über eine Stunde, dann ſuchten wir, faſt ge⸗
ängſtigt und gequält von dieſer Mitternachtfeier, mit leiſem
Schritt unſere Zellen; noch lange ſchallte das monotone Pſal⸗
modieren der weißen Kutten durch die ſtillen Kloſtergänge und
ſcheuchte den Schlaf.
In wachenden Traumbildern zogen die Eindrücke der letzten
Tage an mir vorüber; vorgeſtern noch im Getümmel von Lyon,
oben in der Bergſtadt croix rousse, wo das Sauſen und Häm⸗
mern der Webſtühle aus allen Fenſtern ſchallt, wo eine Be⸗
völkerung von 40000 Arbeitern ihre Lohn⸗ und Frondienſte
tut und mit freudloſem Antlitz die prächtigen Seidenſtoffe für
Frankreichs elegante Damen ſchafft... und heute — in einer
einſamen Kloſterzelle, unter büßenden, ſchweigenden Anachore⸗
ten, die nichts mehr wiſſen von dem, was draußen die Ge⸗
müter bewegt, nichts von der Organiſation der Arbeit und der
ſozialen Frage, von deren Löſung vielleicht um dieſe Stunde
der Weber von Lyon träumt — nichts vom Kampf um Sebaſto⸗
pol, davon der heimgekehrte Zuave beim petit verre in einem
Café jetzt vielleicht Wunderdinge erzählt — nichts vom rau⸗
ſchenden Faltenwurf der Krinolinenröcke und nichts von der
neuen Gottheit des Tages, genannt credit mobilier...
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