Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 92
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0092
92 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Aber ob ſie ſo unrecht haben, die Männer der grande Char-
treuse, über deren Zellen geſchrieben ſteht: in silentio et spe
erit fortitudo vestra?...
Ich gedachte der Kulturmenſchen draußen in ihrem Ameiſen⸗
gewimmel, in ihrem vielgeſchäftigen Nichtstun, in ihrem Ab⸗
zappeln und Ringen um den Schaum von Seifenblaſen, und
gedachte der Anſtalten des unfreiwilligen Schweigens, welche
die Geſellſchaft von heute baut und bauen muß, um fortbeſtehen
zu können — jener hochumwallten, eiſenvergitterten, unheim⸗
lichen Zwingburgen, die man Zellengefängniſſe heißt — und
ich wandte mein Haupt auf dem harten Holzſchragen des La⸗
gers und murmelte, als wäre ich ſelber bald reif für den wei⸗
ßen Kartäuſerhabit, die Worte des Pſalms: „Der Herr iſt nahe
bei denen, die zerbrochenen Herzens ſind, und hilft denen, die
ein zerſchlagen Gemüt haben.“
Der folgende Tag führte uns wieder zu den Lebenden zurück.
Im Reiſeplan ſtand zwar noch die Beſteigung des Grand⸗Som
aufgezeichnet, jenes über der grande Chartreuse ſicherhebenden
Gipfels, von welchem aus eine prächtige Fernſicht in die von
der Rhone durchſchnittene Lyoner Ebene bis weit zu den Bergen
des Vivarais und der Auvergne, ſowie eines der gewaltigſten
Alpenpanoramen den Emporklimmenden überraſcht. Der Ge⸗
danke war ſehr verführeriſch, in dieſen cottiſchen Alpen eine
rigiartige Umſchau zu halten, die ganze weite Kette vom Monte
Viſo bis zu den Chamounybergen zu muſtern und dem Mont⸗
blanc der Dauphiné, dem rieſigen, in ewigen Schnee gehüllten
Mont Pelvoux, der dem wirklichen Montblanc an Höhe nur um
600 Fuß nachſteht, einen Gruß zuzuwinken.
Aber ein hartnäckiger Regen machte jeden Gedanken an wei⸗
tere Bergerſteigung zu Waſſer. L
Nach herzlichem Abſchiede von unſerem ſanften, gaſtfreie
Ordensmanne traten wir den Rückweg nach Grenoble an, der
ein ſehr ſchwieriger zu werden drohte. Der Okonom des Kloſters
gab uns eine Flaſche ihres trefflichen Likörs mit auf den Weg;
dieſer Likör, ſowie das „Lebenselixier“ der grande Chartreuse
ſind ſeit Jahrhunderten berühmt in Frankreich und werden viel⸗
fach als Heilmittel gegen Krankheiten verwendet; die Zuberei⸗
tung aus den aromatiſchen Kräutern dieſer Hochalpen iſt Ge⸗
heimnis der Kartäuſer, die, nach den großen Vorräten zu ſchlie⸗
ßen, einen nicht unbedeutenden Handel mit dieſem Spezifikum


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