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Ein Gang zur großen Kartauſe uſw. 93
treiben. Ohne dieſe Herzſtärkung wäre der ſechsſtündige Marſch
über le Sappey nach Grenoble hinunter ſehr bedenklich gewor⸗
den. Ein wahrhaft ſündflutlicher Regen fiel unaufhörlich und
machte es unmöglich, der großartigen Landſchaft an dem durch
einen Torturm abgeſchloſſenen Engpaß la porte du Sappey
und jenſeits derſelben, wo eine Kapelle das „initium termino-
rum et privilegiorum domus Cartusiae“ bezeichnet, irgend⸗
eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken.
Allmählich wurden Wege und Stege von brauſenden Wild⸗
bächen erfüllt ... ſo ſtundenlang marſchierend oder vielmehr
einherwatend, oft vom Waſſer fortgeriſſen oder tief in den
Schlamm einſinkend, dann und wann in einer Sennhütteraſtend
und die triefenden Gewänder auswindend, überzeugten wir uns
aufs klarſte, daß man auch durch einen Ausflug in die Alpen der
Dauphiné der Überſchwemmung vergebens zu entfliehen ſucht.
Aber der wärmende Likör der biederen Kartäuſer hielt den
Mut aufrecht... als endlich nach langem Bergabſteigen uner⸗
wartet die Regenwolken ſich lüfteten und das herrliche Tal
Graiſivaudan mit ſeinen Wäldern und Rebhügeln und reichen,
landhausbeſetzten Gefilden zu unſeren Füßen lag, und wir von
der Höhe von Montfleury hinunterſchauten auf die breit daher⸗
ſtrömende Iſoèͤre und die Mauern und Feſtungswerke von Gre⸗
noble und hinüber auf die ſich hoch in die Wolken verlierenden
dunklen Häupter des Mont Aiguille und des Pic de l'Obion —
da war alles Leid vergeſſen, fröhlich zogen wir durch die Tore
der alten Hauptſtadt der Dauphiné und hatten noch Stimmung
genug, im Vorübergehen den Ritter Bayard auszulachen, der
ohne Furcht und Tadel, aber mit ſchlotternden Knien, als hätte
auch ihn ein Gebirgsmarſch und Wolkenbruch zugrunde gerich⸗
tet, von der Place St. André als ſchmerzerweckend ſchöne Erz⸗
figur in den Regenhimmel hinaufſchaute.
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