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94 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Avignon.
(1857.)
Es war eine ſeltſame, beinahe bedenkliche Eiſenbahnfahrt, die
mich im Juni 1856 von Tarascon nach Avignon beförderte.
In der Not der allgemeinen Überſchwemmung, die ſich damals
über das mittägliche Frankreich verheerend und verwüſtend er⸗
goß, war auch der Schienenweg allenthalben zerſtört; aber der
Kaiſer hatte ſeinen Willen ausgeſprochen, daß die gewohnten
Verbindungen ſobald als möglich wieder hergeſtellt würden, und
was Napoleon III. verlangt, das geſchieht zurzeit in Frank⸗
reich und mitunter auch anderwärts, ohne daß von Schwierig⸗
keiten oder Unmöglichkeiten in der Ausführung viel die Rede
ſein darf. G
So war auch die Bahnſtrecke von Tarascon nach Avignon
wenig Tage nach ihrer Zerſtörung wieder in fahrbaren Stand
geſetzt; wo der Damm auf weite Strecken hin vom Anprall der
Gewäſſer fortgeriſſen und ſpurlos verſchwunden war, hatte man
in angeſtrengter, täglich und nächtlich ununterbrochener Arbeit,
oft mitten in dem noch immer flutenden Waſſer, einen Not⸗
damm errichtet, deſſen Grundlage aus vielen tauſend und aber⸗
tauſend mit Erde, Sand und Steinen gefüllten Leinwandſäcken
beſtand; gleichviel ob dieſe Grundlage eine zweifelhafte: es muß
gehen! hieß es, und darum ging es auch. Item, die Bahn war
wieder fahrbar, wenn auch ein deutſcher Techniker hinlänglichen
Grund gehabt hätte, dem Wort „fahrbar“ den Zuſatz „aber
fragt mich nur nicht, wie?“ hinzuzufügen.
Niemals habe ich einen ſo vollkommenen Eindruck von ſünd⸗
flutlichen und nachſündflutlichen Zuſtänden davongetragen, wie
auf dieſer Fahrt, und mancher der Mitfahrenden ſchaute mit
hellen Tränen im Aug' oder laut wehklagend auf das weiland
ſo ſchöne Land hinaus, deſſen Kornfelder, Olivenpflanzungen
und reich wie die Gärten angebaute Parzellen mit dem ganzen
eben reifen Ernteſegen — alles unter einem Schlamme be⸗
graben ruhten.
Kaum mag ein Schlachtfeld ſchrecklichere Bilder aufzuweiſen
haben als eine ſolche Walſtatt elementaren Kampfes; — das
waren nicht mehr die „ſchönen, liedervollen, wonnigen Proven⸗
certale“, von denen Lenau ſingt:
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