Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 95
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0095
Avignon. 95

Heißer glüht der Kuß der Sonne
Auf den blumenreichen Matten,
Süßre Labung rauſcht die Quelle,
Kühler ſäuſeln hier die Schatten...

Das ganze Flachland längs der Rhone und der ihr entgegen⸗
ſtrömenden Durance (die, nebenbei bemerkt, ſchon im alten pro⸗
venzaliſchen Volksſprichwort nicht zu den poetiſchen Zierden,
ſondern zu den drei Landplagen und Geißeln der Provence ge⸗
rechnet wird, deren erſte der ſcharfe, ſtaubaufwirbelnde Nord⸗
wind Miſtral, die zweite das Parlament) war in eine ſchlamm⸗
überzogene Wüſtenei verwandelt, darüber giftige Miasmen,
von dem in Fäulnis übergegangenen Wieſengras und Getreide
erzeugt, lagerten. Die Poeſie verſtummte gänzlich vor dem
Schrecklichen, was hier ausgebreitet war, aber ein Geolog hätte
eigentümliche Beobachtungen über die Macht des Waſſers und
ſeiner alluvialen Bildungen anſtellen können; in regelmäßiger
Schichtung waren da, wo die Gewäſſer bereits wieder abgelau⸗
fen, gröbere und feinere Schlammablagerungen zurückgeblieben
und als Decke über die darunter begrabenen Felder gebreitet;
oft weite Strecken entlang war dieſe Decke durch die darauf
wirkende Juniſonnenhitze in gleichförmigen Sprüngen zerbor⸗
ſten und bot dem Auge das Bild eines in mathematiſche
Figuren geteilten Moſaikbodens ... L
An anderen Stellen hatte die Zerſtörung wilder getobt und
für Bilder geſorgt, geeignet von dem melancholiſch dem Schau⸗
erlichen zugeneigten Pinſel Ruysdaels oder dem wildphanta⸗
ſtiſchen Salvator Roſas zu bleibendem Gedächtnis fixiert zu
werden. Maleriſch zertrümmerte ländliche Behauſungen, an
deren vorwärts geneigten Mauern oft unweit des Daches noch
eine feuchte dunkle Linie die Waſſerſtandshöhe bezeichnete, zu⸗
ſammengeſchwemmte und übereinandergetürmte Bäume, da und
dort ein ertrunken Pferd — eingeſunkene Brücken mit den Re⸗
ſten des ehemaligen Bahndammes, ja an einer Stelle dieſer
Damm förmlich von Ort und Stelle geſchoben und das Unterſte
zu oberſt gekehrt, ſo daß die eiſernen Schienen ſenkrecht aus
Schlamm und Graus in die Höhe ſtarrten und hinausragten wie
Knochen vom Skelett eines hier zugrund gegangenen Rieſen⸗
tieres ... ſolche und ähnliche Motive folgten in reicher Fülle
aufeinander.


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