Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 96
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96 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Es iſt eines der traurigen Vorrechte des Künſtlers, daß er
auch in dem, was anderen Jammer und Not bereitet, in Rui⸗
nenzuſammenſturz, Erdbeben, Feuerbrand und Waſſersnot,
gleichwie in den unſeligen Kataſtrophen, die über ein Menſchen⸗
deri zerſtörend einbrechen, die intereſſante Seite herausfinden
arf.
Unſere Betrachtung der waſſerverwüſteten Landſchaft wurde
übrigens bald auf uns ſelber und das Schickſal unſers Bahn⸗
zugs zurückgeführt ... immer langſamer und vorſichtiger fuhr
die Lokomotive über den proviſoriſchen Damm, und allmählich
ward es ſelbſt den luſtigen Blauröcken vom „Sixième“ der
chasseurs d'Afrique, die in gleichem Zuge nordwärts fuhren
und auf die Frage: woher? ſtolz geantwortet hatten: von Kin⸗
burn, nicht mehr ganz geheuer zumut. Es ſchien, als ob unſer
neuer, auf Kaiſers Befehl ſo ſchnell hergeſtellter Damm etwas
„aus dem Leim“ gehen wolle, die Feuchtigkeit der Atmoſphäre
war in die in Leinwandſäcke verſchloſſene Erdgrundlage einge⸗
drungen, der Damm zuſammengeſchrumpft, die Oberfläche
ſchief geworden, die Schienen waren geſunken, ſo daß wir wohl
zehn Minuten lang auf geneigtem Geleiſe, in geneigter Stellung
der Wagen — ſämtliche Inſitzende als Ballaſt auf die abgekehrte
Seite des Waggons gedrängt, in unheilgefaßter Spannung und
jeden Augenblick des Umſturzes gewärtig dahinfuhren und be⸗
dachtſamere Reiſende zu Behütung ihrer Zähne bei etwaigem
Umgeſchütteltwerden bereits die kurze weiße Tonpfeife ausgehen
ließen und in die Taſche ſteckten.
Aber was der Kaiſer anordnet, hat Glück und Erfolg, wenn
es auch auf einem Fundament von feuchten Erdſäcken ruht; die
Neigung zum Schiefen, die plötzlich über unſern Zug gekommen,
verlor ſich; Freudenruf aus erleichtertem Herzen erſchallte, die
kurzen Pfeifen wurden wieder angezündet, und ungebrochenen
Halſes kam unſre dampfgetriebene Arche, die erſte, die ſeit der
Sündflut wieder auf dieſer Bahnſtrecke ausgelaufen, in Avignon
an. —
Avignon!... Es iſt eigentlich ein Anachronismus, mit der
Eiſenbahn in Avignon anzukommen! Wer in Avignon wirk⸗
lich etwas „Zeitgemäßes“ zu ſuchen hatte, der kam dereinſt hoch
zu Roſſe, gepanzert und geharniſcht eingeritten — oder auf
langem, zeltbeſchattetem Schiffsverdeck die Rhone heraufgeru⸗
dert — oder getragen in behaglicher Sänfte; aber Avignon, die


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