Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 97
(PDF, 45 MB)
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Avignon. 97

große Klerikerherberge, das trutzige, üppige, mittelalterliche
Babylon ... und das Reich der Schienen und des Dampfes:
beide ſollten von Rechts wegen nichts miteinander zu ſchaffen
aben.
Indes auch hier iſt die moderne, alles auf gleichen Fuß
ſetzende, dem Chriſten wie dem Heiden ſein diner zu drei Franks,
ſein déjeuner zu zwei Franks anrechnende Kultur Meiſter ge⸗
worden, und ein Omnibus fährt längs der zinnengekrönten, von
viereckig vorſpringenden Türmen regelmäßig unterbrochenen
Befeſtigungsmauer, die Hernandez de Heredia, Großmeiſter des
Ordens der Johanniter von Jeruſalem, einſt als quaderge⸗
fügten Gürtel um die Papſtſtadt aufrichtete, die AInkommenden
vom Bahnhof zum wohlbeſtellten Hôtel de l'Europe.
Und da denn das Schickſal die große überſchwemmung dieſes
Jahres als den roten Faden durch all meine franzöſiſche Reiſe⸗
bilder und Erlebniſſe gewoben hat, ſo mußte auch das erſte,
was mir bei der Einfahrt in die Augen fiel, ein Stückzuſammen⸗
geſtürzten Turmes und Mauerwerks ſein, das fünf Jahrhunderte
lang ſtandgehalten, um jetzo von den Fluten, die bis vor kur⸗
zem die Straßen der Stadt in ſchiffbefahrene Kanäle verwandelt
hatten, angenagt, unterwühlt und eingeriſſen zu werden.
Das Wahrzeichen von Avignon war einſt: ſieben Päpſte wäh⸗
rend ſiebenmal zehn Jahren hier reſidierend, ſieben Hoſpitäler,
ſieben Brüderſchaften von Büßern, ſieben Männerklöſter und
ſieben Kirchhöfe.
Hiemit iſt denn auch der Grundzug dieſer Stadt bezeichnet,
denn was einmal eine gründliche Krummſtabreſidenz war, das
nimmt zeitlebens, und mag die Weltgeſchichte ſich umgeſtalten,
wie ſie will, keinen weſentlichen andern Charakter mehr an.
Wäre doch auch in deutſchen Landen manch eine Stadt und
Städtlein namhaft zu machen, deren Bewohner ein gewiſſes
ſchwerdefinierbares Etwas wie einen nicht ſäkulariſierten Alp⸗
druck aus ihrer geiſtlichen Vergangenheit noch unverkennbar mit
ſich herumtragen, wenn es auch unmittelbar nur noch in der
Vorliebe für gewiſſe Faſtenkarpfen und Faſtenkrapfen und kühle
Kloſterkellertrinkſtuben ſeinen Ausdruck findet.
Der erſte Gang in Avignon konnte in hiſtoriſcher Pflicht⸗
ſchuldigkeit kein anderer ſein als zum Schloß der Päpſte.
Gewitterwolken zogen ſich am Abendhimmel zuſammen, ein
ſcharfer, dem Unwetter vorangehender Zugwind blies durch die

Scheffel. VIII. 7


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