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98 Epiſteln und Reiſebilder. II.
engen Straßen, froſtig und kalt, trotz ſommerlicher Jahreszeit,
* daß auch an mir erfüllt werde, was der alte Gedenkſpruch
agt:
Avenia ventosa
Sine vento venenosa,
Cum vento fastidiosa.
Durch dunkle Gaſſen emporſteigend, durch die „ruelle du Vice-
légat“, die mehr einem in den Fels geſprengten Feſtungslauf⸗
graben als einem ſanften Sträßlein glich, auf das vorbereitet,
was da kommen ſollte, ſtund ich endlich vor dem Ziel meiner
Wanderung.
Es iſt ſchwer, den Eindruck in Worte zu faſſen, den dieſe
koloſſale Zwingburg, dieſes ganze Syſtem von Türmen, Ba⸗
ſtionen, Wällen hochgewölbten Palaſtgebäuden in der maſſen⸗
beherrſchenden, ſchwerfälligen Bauweiſe des vierzehnten Jahr⸗
hunderts auf den unbefangenen Beſchauer ausübt. Vergeblich
wäre es, ein architektoniſch Geſamtbild mit der Schreibfeder ent⸗
werfen zu wollen, und leider iſt die Photographie, die ich aus
der Werkſtatt Tourtins, des Avignoner Photographen, mitnahm,
verlorengegangen und kann dieſem Bericht nicht beigelegt
werden.
Gewaltig, aber unheimlich, ſtark, roh, faſt brutal, wie ein
Hohn für die Unterworfenen, wie eine Herausforderung an die
Nachbarn, eine Feſtung, eine Zitadelle, ein wahres Kampfhaus
der ſtreitbaren Kirche — ſo ragt dieſes päpſtliche Kapitolium
über die einſt von ihm beherrſchte Stadt; — ein verkörpertes
Stück Mittelalter, deſſen Anblick in betreff damaligen Verhält⸗
niſſes der Kirche zum Staat und manch andrer ſchwieriger
Punkte belehrender iſt als Dutzende tiefſinniger Ausbrütungen
gelahrter Stubenhocker.
Der Vatikan zu Rom, der doch auch mit ſtattlichen architek⸗
toniſchen Maſſen auf die Weltſtadt jenſeits der Tiber ſchaut, iſt
ein harmlos anmutig Idyll, verglichen mit dieſem Twing⸗
Avignon. Dort ſchon Grazie, ich möchte ſagen weltmänniſche
Haltung, und aus allen Ritzen und Fugen die Kunſt in necki⸗
ſcher Anmut hervorſchauend ... hier finſteres, ſoldatiſch auf⸗
rechtes Weſen, Trotz und Hochmut in jeder Linie des Ganzen,
häuslicher Komfort, Annehmlichkeit, Luxus — alles dem Zweck
der Verteidigung untergeordnet; dort in offenen luftigen Hallen
die jugendſchönen Schöpfungen Raffaels, hier in finſtern In⸗
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