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Avignon. 99
quiſitionsräumen die ſtarren, froſtigen Reſte von Giottos oder
ſeiner Schüler magern Heiligenbildern — dort die humaniſti⸗
ſche, wenigſtens künſtleriſch freie Zeit Leos X. und ſeiner Nach⸗
folger, hier der verſteinerte Hauch einer Kirchengewalt, die den
Panzer über dem geiſtlichen Gewand, den Eiſenhandſchuh über
dem Fiſcherring St. Peters trägt, die gegen das Recht des
Stärkern das des Stärkſten in Anſpruch nimmt, die flucht,
bannt, Ketzer verbrennt, Kaiſer und Könige wie Schulknaben
abfertigt und in der unheiligen Barbarei ihrer geſchichtlichen
Erſcheinung ſelbſt treue Kinder der Kirche, wie jene engliſche
Dame*), die neulich das Leben der Francesca Romana be⸗
ſchrieben, zu dem Geſtändnis zwingt, daß, würde ihr aufgegeben
zu ſagen, wann ſie am wenigſten gern gelebt haben wollte, wann
wohl am meiſten ihr Glaube gefährdet und ihr Herz verwundet
ſein möchte, ſie wohl am eheſten das Ende des vierzehnten und
den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts nennen würde.
Strömender Regen ſchlug nieder, als ich in den Hof des
Papſtſchloſſes eintrat. Es dient gegenwärtig als Kaſerne der
Beſatzung von Avignon; der alte Kaſtellan lag krank und beauf⸗
tragte einen geſchniegelten jungen Korporal mit ſorgfältig ge⸗
wichſtem Schnurrbart, uns herumzuführen und alles genau zu
erklären ... eine Aufgabe, welcher derſelbe auch aufmerkſam
und nicht ohne geſchichtliche Beſtrebungen nachzukommen ſuchte.
Auch das Innere des Schloſſes trägt den kriegeriſchen, bis
an die Zähne gewaffneten Charakter; alles darauf berechnet,
daß im Fall einer Belagerung nach Erſtürmung der Tore in
dieſen innern Räumen der Kampf mit Erfolg noch fortgeſetzt
werden möge. Türme beherrſchen den weiten Hofraum, Schieß⸗
ſcharten bedrohen ihn ... als letzter Rückzugsort der Beſatzung
ragt ein rieſiger viereckiger Turm, die turris magna et qua-
drata Papſt Benedikts XII., wo die damalige Architektur all
ihre finſtern Geheimniſſe, myſteriöſe ſich plötzlich verlierende
Treppen, eiſerne undurchdringliche Falltüren, Schlupftore, un⸗
terirdiſche Gänge uſw. in unheimlicher Fülle entwickelt hat.
Die innern Teile haben von ihrer Gewaltigkeit dadurch ver⸗
loren, daß ſie, den modernen Kaſernenzwecken entſprechend,
vielfach verbaut, durch eingeſchobene Wände und Halbierung
der hohen Stockwerke in zwei niedere uſw. entſtellt ſind.
*) Lady Georgiana Fullerton.
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