Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 100
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0100
100 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Die zahlreiche militäriſche Einlagerung, die während des Ge⸗
witters behaglich Tabak rauchend auf Pritſchen und Matratzen
herumlungerte, trug nicht zur Verbeſſerung der dumpfen At⸗
moſphäre bei.
Ein Labyrinth von Gängen und Korridoren führt in den un⸗
heimlichen Steinmaſſen umher; allmählich kamen die Erinne⸗
rungen alter Zeit zum Vorſchein: hier, wo an den Wänden
wenige Reſte von gemalten Trophäen erſchaulich und jetzo ein
ſchnurrbärtiger Schulmeiſter die Kinder des Regiments, eine
köſtliche junge Soldatenbrut, im Schreiben und Rechnen unter⸗
richtet, war Arſenal und Waffenſaal ... dort in jener Turm⸗
kapelle, wo auf blauem, ſternbeſätem Grunde die ſtrengen Hei⸗
ligen und altteſtamentlichen Weiſen um den Thron Gottes
ſtehen oder ſtanden, denn der Kalkbewurf iſt vielfach zerbröckelt
und die Revolution von 1791 hat abſichtlich manches vom
Heiligenſchein umfloſſene Haupt herausgehauen, ſo daß die
Gelehrten wohl ſchwerlich mehr ins klare kommen werden, von
welchem altflorentiniſchen Meiſter die Fragmente gemalt wur⸗
den — dort hielt das Offizium der Inquiſition ſeine Sitzun⸗
gen, dort wurden, wie einer der Zeitgenoſſen ſich einmal aus⸗
drückt, „processus facti terribiles et sententiae fulminatae
fortissimae.“
Hier aber, was hat dieſer ſonderbar in ſpitzer Kuppelform
gewölbte Turm zu bedeuten, der als hoher Kaminſchlot zuge⸗
ſpitzt hinausragt über die Dächer? „Wenn die Leute in Avig⸗
non aus dieſem Schlot ein blaues Räuchlein aufſteigen ſahen,“
ſprach der Korporal, „ſchlugen ſie ein Kreuz und ſprachen:
Gott ſei ſeiner Seele gnädig! Die Inquiſition war nicht für
öffentliche Hinrichtungen, man tat es mehr häuslich ab. Schade,
daß im Jahr 1791 alle Tortur⸗ und Marterwerkzeuge, die im
Schloß aufgehäuft lagen, in feierlichem Autadafé verbrannt
wurden, es ſoll ‚une remarquable collection“ geweſen ſein!“

... da ſtieß
Ich auf verbrannte menſchliche Gebeine. ...

SEes iſt ein ſchwüles Gefühl, auf einem Boden zu ſtehen, auf
welchem dereinſt zur Ehre Gottes Menſchen geröſtet wurden.
Draußen blitzte und donnerte es.
S'il vous plait, mr. le caporal, une autre salle, ſprach ich.
Er führte uns auf ein flaches Dach, um Überſicht über das ver⸗


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