Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 101
(PDF, 45 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0101
Avignon. 101

wirrte Ganze der Papſtburg und Stadt und Umgegend zu ge⸗
winnen, aber der Regen war ſo ſtark, daß wir es nur unter
aufgeſpanntem Schirm in ſchnellem Geſchwindſchritt umkreiſen
konnten... eine wohltuende Abkühlung nach Beſichtigung der
Ketzerverbrennungsſtätte.
Ruückkehrend ſchritten wir durch einen dunkeln, geſchwärzten,
etwas baufälligen, übrigens durch nichts Beſonderes ausge⸗
zeichneten Saal. „Voilà la salle brülée!“ ſprach unſer Führer,
„une souvenir historique!“
Eh bien, mr. le caporal, was hat ſich hier zugetragen in
dieſem verbrannten Saal? G
„Sehen Sie,“ ſprach der Korporal und drehte ſeinen Schnurr⸗
bart, „das war dazumal eine ſehr ſonderbare Geſchichte. Da
kommandierte hier im Schloß des Papſtes Vizelegat, Herr Peter
von Luna, ein verteufelter Geſelle, der lud eines Tages die
ganze feine Welt von Avignon, Herren und Damen, zum Sou⸗
per ein ... und wie ſie fröhlich hier beiſammen ſaßen und
ſchmauſten, ſprengte er den Saal mit der ganzen Creme der Ge⸗
ſellſchaft in die Luft. Daher der Name.“
Eine ſonderbare Geſchichte, mr. le caporal, ſagte ich. Aber
was veranlaßte den Herrn Legaten, ſeine Gäſte zum Deſſert in
die Luft zu ſprengen?
„Das war auch wieder eine ſonderbare Geſchichte. Sie hatten
drei Jahre zuvor ſeinen Neffen an den Galgen gehängt.“
Ei! Und warum dieſes?
„Sehen Sie, auch das war eine ſonderbare Geſchichte. Dieſer
junge Mann pflegte, als Neffe des Legaten, Sonntags in der
Kirche gegen die vornehmen, ſchönen Damen ſo zudringlich
zu werden und ſie ſo gröblich zu inſultieren, daß nicht mehr
anders mit ihm auszukommen war, als man mußte ihn auf⸗
hängen.“ G
Und der Herr Legat?
„Der Herr Legat ließ ſich im Moment, da er Feuer an die
Mine gelegt, durch eine Falltüre in den unterirdiſchen Gang
hinab, kam darin bis an die Rhone und unter der Rhone durch
und rettete ſich nach Villeneuve hinüber.“
Es führt ein unterirdiſcher Gang unter der Rhone hindurch?
ſprach ich ungläubig. Aber der Korporal beſtand feſt darauf,
zeigte uns im Hofraum den Eingang zu jenem Souterrain und
rief ſeinen Schlüſſelführer herbei, der beſtätigte, daß er ſelbſt


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0101