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Avignon. 107
zug das Volk zur Rebellion aufſtachelte, hielt er, unter dem
allgemeinen Zuruf: „Es lebe das heilige Kollegium der Kar⸗
dinäle und die Bürgerſchaft von Avignon!“ auf den Gaſſen
und Plätzen Volksreden.
Hernach ſtürmte der genannte Boucicaut mit denen von Avi⸗
gnon den Turm, der auf Seite der Stadt ſich oberhalb der Brücke
erhebt und von einigen Dienſtleuten des Papſtes verteidigt war;
ſie legten Feuer vor die Tore und ſetzten ihm mit Minen, Balli⸗
ſten und Bombarden dermaßen zu, daß die Beſatzung, unver⸗
mögend ferneren Widerſtandes, mit Erlaubnis des Papſtes den
Turm an die Bürger übergab, die ihn unter großem Jubel ein⸗
nahmen, ihre Paniere auf der Spitze aufpflanzten und das
päpſtliche Schloß über alle Maßen beunruhigten.
Am Tag des heiligen Erzengels Michael aber, der ein Sonn⸗
tag war, griff der genannte Kardinal von Novo Caſtro mit
ſeinen Bombarden die apoſtoliſche Reſidenz gewaltig an, ließ
durch Boucicaut und die andern ebenfalls angreifen, und einige
Steinſplitter von der Steinkugel einer Bombarde, die aus dem
kleinen Palaſt, wo der Kardinal ſein Quartier hatte, abgeſchof⸗
ſen wurden, trafen und verwundeten den Papſt.
Am Dienstag, den 1. Oktober, jedoch wurde der genannte Kar⸗
dinal, wie man glaubt, durch Gericht Gottes, von Geſchwüren
und Karbunkel am ganzen Körper befallen, verlor alle Be—
ſinnung und am Freitag, den ſechſten Tag nach dem Feſt des
heiligen Michael, ſein Leben — wolle Gott, nur das des Leibes
und nicht auch der unſterblichen Seele.
Hernach wurden zwei große Kriegsmaſchinen zu beiden Sei⸗
ten des Schloſſes aufgerichtet, welche Steine von mächtigem
Umfang wider das Schloß ſchleuderten; — mit dieſen und viel
großen Bombarden, Pfeilen, Schleuderſteinen und Vorrichtun⸗
gen verſchiedener Art ſetzten ſie innerhalb vieler Tage die Be⸗
lagerung fort und legten zugleich an drei oder vier oder noch
mehr Orten ungeheure Minen unter die Türme und Mauern
des Schloſſes, wodurch dieſe Türme und Mauern, wie ſie glaub⸗
ten, da und dort zuſammenſtürzen ſollten.
Am 24. Oktober, nachdem ein freies Geleite zwiſchen dem
Papſt und ſeinen Anhängern einerſeits und den Kardinälen
außerhalb und ihrem Feldobriſten Boucicaut andrerſeits ver⸗
ſprochen und zugeſagt war, kamen aus dem Schloſſe zu einer
Unterredung behufs eines Friedensſchluſſes die papſtgetreuen
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