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108 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Kardinäle von Pampeluna, von Boyll und de sancto Adriano
mit drei der gegneriſchen Kardinäle in der Stadt zuſammen;
da ſie ſich aber durchaus nicht zu einigen vermochten und die
erſt bezeichneten Kardinäle zum Papſt, der ſie abgeſandt, zurück⸗
kehren wollten, wurden ſie durch genannten Boucicaut gefangen
genommen, alsbald nach ſeinem Schloß Borbon abgeführt und
dort gefänglich feſtgehalten.
Samstag, den 26. desſelben Monats, ſchlichen der Admiral
(magister portuum) des Königs von Frankreich und ein Ritter
Richard, Boucicauts Waffengefährte, mit ungefähr ſechzig Ge⸗
waffneten durch einen großen Abzugskanal heimlich in das
Schloß ein und drangen bis in die Küche vor, wo ſie durch ein
göttliches Wunder aufgehalten, alle zuſammen ohne bedeuten⸗
den Verluſt der Schloßbeſatzung gefangen wurden.
Die Belagerung wurde durch Boucicaut und die vor der
Stadt noch lange fortgeſetzt, aber die im Schloſſe hielten männ⸗
lich Widerpart, und wiewohl Feuer an die Minen gelegt ward,
ſtürzte doch, unter ſichtlicher Gnade Gottes, nichts von den
Schloßmauern ein, und die im Schloſſe hielten nach wie vor ihre
Mauern bewacht und abgeſchloſſen, und endlich wurde zwiſchen
denen, die draußen, und denen, die drinnen waren, übereinge
kommen, daß ein Stillſtand der Belagerung eintreten ſolle
Es iſt aber zu wiſſen, daß in währender Zeit der Belagerung
viele von denen, die im Schloß waren, geſtorben ſind — einige
an ihren Wunden, andere an Schwäche wegen Mangel an Speiſe
und Arzneimitteln, die für ſolche Verwundungen und Schwä⸗
chen notwendig ſind, aber trotz vieler Bitten von draußen grau⸗
ſam verweigert wurden. Und ſo war, als nach beinah vier Mo⸗
naten alle Vorräte ausgingen, denen, die im Schloſſe waren,
alle Hoffnung auf Hülfe aus dieſer Not vernichtet...“
Leider geht das Belagerungstagebuch nicht bis zur Schluß⸗
kataſtrophe, da das Schloß mit ſtürmender Hand genommen
ward und der Papſt durch einen unterirdiſchen Gang entweichen
mußte... unſer Berichterſtatter erzählt nur noch von einem
Entſatz, den päpſtliche Parteigänger aus Spanien, zu Schiff die
Rhone herauffahrend, aber durch niedern Waſſerſtand am Vor⸗
dringen gehindert, vergeblich verſuchten, ſodann von Austauſch
der Gefangenen und verwickelten diplomatiſchen Verhandlungen
... aber das Mitgeteilte reicht hin, um ſich vorſtellen zu können,
was zu Peter von Lunas Zeiten Brauch und Art war, und wie
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