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Avignon. 109
der unbekannte Verfaſſer des Berichtes Grund hatte, an deſſen
Schluß zu befürchten, daß wenn Gott nicht bald ein gnädig Ein⸗
ſehen nehme, ſeine Braut, die Kirche, einer böſen Bedrängnis
und der Glaube der Chriſtenheit einem böſen Schiffbruch ent⸗
gegen gehe.
Ich muß mir verſagen, noch eine Reihe gleich anziehender
Dinge nach den urkundlichen Denkmalen der Avignoner Zeit
zu ſchildern. Zu viel Geſchichte ermüdet ... und im Grunde,
wer die Geſchichte der Zeit, in der er lebt, kennt und verſteht, der
verſteht auch die aller Vergangenheit, wenngleich er ſie nie ge⸗
leſen hat. Heutzutage iſt die Bewerbung um Petri Stuhl nicht
mehr ſo hitzig, daß viel Gegenpäpſte auftauchen werden, die
Menſchen diesſeits der Alpen dienen häufiger dem Staat und
den materiellen Mächten als der Kirche, die fratres li beri spiri-
tus, die man damals verbrannte, wandern nach Amerika aus,
und Bombarden heißen itzo Kanonen; immerdar aber dasſelbe
Schattenſpiel: die einen Hammer, die andern Amboß, und
Schläge das die Gegenſätze vermittelnde Verhältnis! —
Für Kunſthiſtoriker ſei übrigens noch die Notiz beigefügt, daß
die Baugeſchichte des Palatiums zu Avignon unter Papſt Kle⸗
mens VI. (1342—1352), der den Bauten ſeines Vorgängers
Benedikt XII. den Abſchluß gab und insbeſondere die capella
major, die audentia und die terraciae superiores zufügte, ſowie
die von ihm angeordnete Ausſchmückung des Konſiſtoriums mit
paſſenden Figurenbildern und Sprüchen (der Papſt ſelber ver⸗
langte, daß „sub cujuslibet effigie seu figura, aut in rotulis
quos suis gestare videntur in manibus seu dicta seu scripta
.. . literis grossis et legibilibus scriberentur, libros et
capitula in quibus continentur, rubeis literis designando“)
in der prima Vita Clementis VI. bei Baluze I. 263 des aus⸗
führlichen beſchrieben ſteht.
Und wer ſich etwa für die ökonomiſchen Verhältniſſe eines
damaligen Kardinals und für die gangbaren Gold⸗ und Silber⸗
münzen intereſſiert, der möge in Baluzes Urkundenbuch (tom.
II., pag. 762) das Inventar über das bare Geld nachleſen, das
nach dem Tode des Kardinals Hugo Rogerius im Jahre 1364
ſich in ſeinem „großen roten, mit Eiſen beſchlagenen“ Koffer
vorfand. Die erſten dreißig Säcke, welche die Teſtamentsvollzie⸗
her herausgriffen und mit der großen Goldwage Stück für Stück
prüften, enthielten ein jeder fünftauſend Florentiner Goldgul⸗
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