Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 111
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Avignon. 111

ſteigen, um einen weiten und großartigen Rundblick bis ins
Provenzaliſche und ins Languedoc hinüber zu gewinnen. Da
kommt von Norden aus weiter Ferne die Rhone längs ihrer
turm⸗ und burggekrönten rebenreichen Ufer einhergeſtrömt, um
ſich mit der aus den Meeralpen ihr entgegeneilenden Durance
zu vereinigen; — dort drüben an dem rechten Ufer lagerte einſt
Hannibal mit der karthagiſchen Armee und ließ Schiffe und
Kähne zimmern, bis Mann und Roß und Elefant ſicher auf
das diesſeitige, vom galliſchen Landſturm nur ſchwach vertei⸗
digte Ufer des gewaltigen Stromes überſetzen konnten; auch ein
reiches Stück Mittelalter ſteht auf den Hügeln des rechten Rho⸗
neufers in Stein gemauert; das umfangreiche, im Geviertraum
die Berghöhe umfaſſende Fort Saint⸗Andreé, mit ſeinem dicken
runden Turmgeſchwiſterpaar am Eingang, ſeinen hohen Wällen
und Zinnen... und unmittelbar daneben Villeneuve⸗lez⸗Avi⸗
gnon mit ſeinem rieſigen, viereckigen, den Rhoneübergang be⸗
herrſchenden Turm, die jenſeitige Fortſetzung der Papſtreſidenz,
das Grab Innocenz' VI. und Johanns XXII., einſt berühmt
durch ſeine Kartäuſer und Benediktiner, jetzt durch die Schön⸗
heit ſeiner Frauen.
Der Blick rhoneabwärts, wo ſich eine flache Landſchaft gen
Süden ſtreckt, iſt zum Teil verdeckt durch die gewaltigen Maſſen,
Türme, Kapellen und Hofräume des päpſtlichen Palaſtes, ſowie
der Kathedralkirche. Aber drüben im Oſten ſchaut eine weite,
ſtattliche Bergkette aus dem Nebel, die basses Alpes, die ſich
um den wolkenumhüllten, ſchon von Petrarca als Touriſten be⸗
ſtiegenen Mont Ventoux ſchließen, und in deren Schluchten auch
das ewig geprieſen bleibende Vaucluſe verſteckt liegt. Unmittel⸗
bar unter unſrer abgeplatteten Terraſſe dehnt ſich groß und
mächtig das gegen Wind und Sonne gebaute, weitſchichtige,
unelegante, hochhäuſerige, rings noch mit Stadtmauer und
Stadttürmen des vierzehnten Jahrhunderts umzogene Avignon,
und drunten in der Rhone ſelbſt ragen düſter und verlaſſen, aber
von ſtiller Poeſie umſchwebt, die Trümmer eines Werkes, das
ich nie ohne Rührung betrachten konnte, die Brücke des hei⸗
ligen Bénézet. L
Der heilige Bénézet — wie manches auch die Legende an ihm
und ſeinem Brückenbau ausgeſchmückt haben mag — bleibt
immerdar ein guter Heiliger, zu deſſen Grab der Künſtler lieber
pilgert als zu manch anderm prunkenden Monument. Er war


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