Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 112
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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11² Epiſteln und Reiſebilder. II.

das Kind einer noch nicht enzyklopädiſchen und ziviliſationsge⸗
firnißten Zeit, wo der Menſch in der Tiefe ſeines einfältigen Ge⸗
mütes zufrieden war, einen einzigen Gedanken als Zweck und
Aufgabe des Lebens feſtzuhalten und durchzuführen ... ein
Schäfer aus Alviar in der Landſchaft Vivarais, über den, wie
hundert Jahr ſpäter über ſeinen ſchäferlichen Schickſalsgefährten
Giotto, die Inſpiration der Kunſt kam und ihm nicht Ruhe und
nicht Raſt mehr ließ. Im Jahre 1177 ſtund der zwölfjährige
Hirtenknabe auf den Straßen von Avignon und erzählte jedem
der Vorübergehenden, daß er von Gott berufen ſei, eine ſteinerne
Brücke über die Rhone zu bauen; den Sachverſtändigen ſprach
er verſtändig wie ein gewiegter Baumeiſter, den Zweiflern
ſchleppte er, wie die Sage meldet, einen ſieben Schuh breiten
Stein, den ſonſt nicht dreißige zu heben vermochten, bis an den
Fluß und warf ihn als erſtes Fundament hinein, die ökonomiſch
Bedenklichen wies er auf Gott, der im Schwachen Starkes voll⸗
ringt ...
Begeiſterung hat etwas wohltuend Kontagiöſes, man glaubte
an den jungen Architekten, der an ſich ſelbſt glaubte; Biſchof,
Geiſtlichkeit und Volk hatten Freude an ihrem „Benedictulus
pontifex“ und ſchafften die notwendigen Goldgulden herbei;
nach zwölf Jahren waren die ſteinernen Bogen über das breite
Gewäſſer geſpannt, das Unglaubliche war geſchehen, der wilde,
ſchon dem Altertum ob ſeiner jähen, reißenden Strömung
„Rhodanusque celer“ — „praeceps Rhodanus“) berüchtigte
Strom durch eine der ſtolzeſten Brücken gezähmt, und die bei⸗
getragenen Gelder und frommen Stiftungen reichten noch aus,
um am Eingange der Stadt ein Hoſpital und eine geiſtliche Brü⸗
derſchaft, genannt die „Brüder von der Brücke“, zu begründen.
Sankt Bénézet aber wollte nichts anderes mehr in ſeinem
ſpätern Alter, als bei ſeiner Brücke ſein; dort, in ſteter Sorge
um das nach Mühe und Not gelungene Werk ſeines Lebens, von
der Brüderſchaft zum Prior erwählt, brachte der Hirtenknabe
von Alviar den Reſt ſeiner Tage zu. Auf den dritten Brücken⸗
pfeiler aber hatte er, der ſich's nicht als möglich denken konnte,
daß jemand über das große, ſtarke Waſſer wandeln mochte, ohne
an die Herrlichkeit Gottes in ſeinen Strömen zu denken und ein
andächtig Vaterunſer beten zu wollen, eine anmutig kleine Ka⸗
pelle angebaut ... in dieſe Kapelle auf dem dritten Pfeiler
haben ihn im Jahr 1195, da ſein irdiſch Tagewerk zu Ende ging,


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