Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 113
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0113
Avignon. 113

ſeine fratres de ponte hinausgetragen und begraben, und ſo
ruht er denn, gottvergnügter als ein Pharao in ſeiner Pyra⸗
milde, in dem Bauwerk, das er ſelbſt ſozuſagen aus ſeinem Herz⸗
blut aufgebaut, und hört die Rhone fröhlich brauſen um ſein
Grab, und das Volk, das einem jeden dankt, der es gut mit ihm
gemeint, hat den unſtudierten Baumeiſter heilig geſprochen und
ihn unter den vielen Heiligen eingereiht, die nicht im Kalender
ſtehen, aber doch ein ehrend Andenken verdienen.
Die Brücke des heiligen Bénézet iſt im Lauf der Jahrhun⸗
derte geborſten und ſteht nur noch als ein ehrwürdiger Torſo
in der Flut, aber dem Pfeiler mit der Grabkapelle tut die Rhone
nichts zuleid; aus dem einſt von Boucicaut erſtürmten feſtung⸗
artigen Bau, der unnahbar die Brücke von der Stadtſeite um⸗
ſchließt, ſtieg ich hinüber zu jenem dritten Pfeiler; ein wilder
Feigenbaum grünte vergnüglich im flutumrauſchten Chor des
verödeten Kirchleins; ich brach mir ein Feigenblatt, das noch
jetzt, da ich dies ſchreibe, aus dem Skizzenbuch als fröhliche Re⸗
liquie zu mir herüberſchaut, und ich werd' es in Ehren halten,
wenn auch die Welt von heute vom heiligen Bénézet von Avi⸗
gnon nichts mehr weiß und lieber zum heiligen Bénazet in Ba⸗
den⸗Baden wallfahrtet, der auf ſeinen grünen Tiſchen wohlwol⸗
lend und gnädig ihr Opfergeld entgegennimmt, ohne Brücken
davon zu bauen... Vingt-et-un, rouge, impair, passe!...
Die Bevölkerung von Avignon ſcheint keinen Drang in ſich
zu fühlen, das Andenken an ihre „babyloniſche“ Zeit durch ein
Denkmal der Gegenwart zu erhalten; dieſer rocher de Notre-
Dame, von deſſen luftigen Höhen der Blick das ganze ehemalige
päpſtliche Gebiet umſpannt, wäre ſonſt ein geeigneter Platz, eine
jener Geſtalten in der dreifachen Krone mit Hirtenſtab und
Schwert in Marmor oder Erz aufzuſtellen. Statt deſſen erhebt
ſich hoch oben das Standbild eines bärtigen Mannes in langem
Talar, der einen Büſchel Pflanzenſtengel in der Hand hält...
und wer iſt dieſer eherne Unbekannte, der wie ein Beherrſcher
auf Land und Stadt und Schloß der Päpſte herabſchaut? ...
Der Einführer der Krappkultur!
Es läßt ſich kaum ein ſchärferes Symbol des Proteſtes des
franzöſiſchen Bürgertums gegen alle Erinnerung an die kirchlich
feudale Vergangenheit denken, als dieſes Denkmal an dieſer
Stelle. Ob eine bewußte Abſicht ſeiner Errichtung zugrunde
liegt, weiß ich nicht, aber die Fabrikanten und Induſtriellen und
Sche ff el. VIII. 8


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