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Avignon. 115
Auch in den inneren verſchont gebliebenen Räumen war es
zu feucht, um lange zu verweilen; ſolchen, die ſich gerne ihre
archäologiſchen Zähne an etwas ſchwer Erklärbarem ſtumpf
beißen, nenn ich ein Skulpturwerk von fremdartig ſcheuſalhaf⸗
tem Charakter, gefunden im Jahre 1849 tief unter dem alten
Boden der Kirche von Noves, Departement bouches du Rhöne
. . . ein großes, breitköpfiges, halb affen⸗, halb wolfsartiges
Ungeheuer in ſitzender Stellung, deſſen Rachen der halb ver⸗
ſchlungene Arm eines Menſchen entragt und das in ſeinen Vor⸗
dertatzen zwei menſchliche Köpfe oder Bruſtbilder hält.
Ob hier phantaſtiſch rohes frühes Mittelalter, oder galliſch⸗
druidiſche Menſchenopferer, oder gar altphönikiſche Molochver⸗
ehrer, denen auf ihren Handelsfahrten die Rhonemündungen
gar wohl bekannt waren, ſich an den Geſetzen des ewig Schönen
ſo grauſam in Stein verſündigt haben, will ich gelehrteren Män⸗
nern, die mehr Zeit zu verlieren haben, zur Entſcheidung über⸗
laſſen. Die Schlüſſelbewahrerin, die mich umherführte, ſagte,
das Ungetüm ſei „une tarasque“. Ein gründlicher Altertums⸗
forſcher könnte alſo auch noch die fabelhafte Geſchichte von dem
durch die heilige Martha beſiegten Drachen, wovon die Stadt
Tarascon an der Rhone den Namen trägt, und die noch jetzt
dort am zweiten Pfingſttag in feſtlichem Jubel durch die Stra⸗
ßen geſchleppte ungeheure, künſtlich bewegliche, rachenaufſper⸗
rende, ſchwanzkrümmende „tarasque“ (das weit in der Provence
berühmte, vom luſtigen König Réné durch die Statuen der che-
valiers de la Tarasque gefeierte Wahrzeichen von Tarascon)
mit dieſem Steinbild in Verbindung bringen.
Jedenfalls ſcheint ein ſtarkes Stück alten Heidentums in dem
Ungetüm Nr. 51 des Muſeums Calvet zu ſtecken, und — ſeinem
Kunſtgehalt nach iſt es den chriſtlichen Gottesmännern nicht zu
verargen, daß ſie es dereinſt ſo gar tief unter drei Fundamenten
ihrer Kirche ab und zur Ruhe brachten.
Unweit dieſer heidniſch barocken Skulptur ſteht ein griechi⸗
ſcher Grabſtein mit der einfachen Grabſchrift: Movod onori
Taĩos!ꝰ)
Es tut unendlich wohl, ſo nah neben der Barbarei einen Ton
reiner, edler Humanität zu vernehmen. Läßt ſich einer teuren
Hingeſchiedenen etwas Innigeres, Vielſagenderes, Bedeutſame⸗
*) Edle Monodote, lebe wohl!
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