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Avignon. 117
zu mir geſteckt, aber zu meiner Betrübnis mußte ich wahrneh⸗
men, daß man etwas von der glückſeligen Natur eines Haar⸗
kräuſlers und Tanzmeiſters oder von der „ſchönen Naivität
der Stubenmädchen zu Leipzig“ in die Adern gemiſcht haben
muß, um dieſen „Klaſſiker deutſcher Nation“ auf dem Schau⸗
platz ſeiner Taten mit Genuß würdigen zu können.
Es mag ſeinerzeit ſehr pikant geweſen ſein, als vornehmer
Hypochonder mit einem treuen Johann und einem wohlgenähr⸗
ten Mopſe ſüdwärts zu ziehen, um „durch Rütteln und Schüt⸗
teln der Poſtchaiſe den freien Gebrauch der blaſierten Seelen⸗
kräfte wiederzuerlangen“, es mag auch für den, der weder aus
Natur noch aus eigenem waghalſigen Abenteuer in fremdem
Land neue elektriſche Regung in den müden Geiſt zu leiten ver⸗
ſteht, eine Angelegenheit äußerſter Wichtigkeit geweſen ſein, ein
hochbuſig provenzaliſches Naturkind als Berliner Anakreon
über die mythologiſchen Verhältniſſe Gott Amors zu belehren
oder die Freundin eines avignoniſchen Dompropſtes durch ein
geweihtes Strumpfband zu erobern .. mögen auch recht ſchöne
Sachen in den ſorgſamen friſierten und gepuderten Oden und
Lehrgedichten ſtehen, die der Verfaſſer, um ſich „ſanft über lä⸗
ſtige Zeiträume zu heben“, kunſtreich zu bauen weiß: aber wer
außer der ſüßen Perſon dem mit verführeriſchen Bruſttüchern
und Schürzen ſo ernſte Kämpfe kämpfenden Hypochonders noch
etwas von den mittäglichen Provinzen oder den geſellſchaftlichen
Zuſtänden des Landes, das damals in ſtiller Schwüle gewaltigen
Dingen entgegenging, kennenzulernen wünſcht, der belaſtet ſich
vergeblich mit dieſen Bänden.
Und daß noch auf dem Markt des heutigen Tages — nach⸗
dem die großen Gewitter um den deutſchen Parnaß die Luft ge⸗
reinigt, nachdem ſelbſt Vater Wieland, der ähnliche Dinge doch
noch mit geſalzener Grazie auf helleniſcher Flöte zu blaſen ver⸗
ſtand, bereits viel Staub anſetzt und böſe Menſchen die Ent⸗
deckung gemacht, daß jener tändelnd empfindſame Eſprit unſrer
galanten Vorväter oftmals von Fadheit gar nicht weit verſchie⸗
den; daß in dieſem kritiſchen, geſchichtlichen Jahrhundert der
verdauungsgeſtörte und aus mediziniſchen Gründen leichtſinnige
Reiſende durch Frankreich als Klaſſiker deutſcher Nation der
gläubigen Leſewelt geſpendet wird: das iſt ein heiteres Stück,
worüber er vielleicht ſelber im Grabe ein Lächeln aufſchlägt,
und beweiſt eben, daß die deutſche Nation ein unabweisbar Be⸗
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