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118 Epiſteln und Reiſebilder. II.
hürfnis hat, alles, alles, ſelbſt ihre Klaſſiker oktroyiert zu er⸗
ten.
. . . Bis zu der erhebenden, zehn Strophen erfüllenden Ode
auf den Tod ſeines im ſchönen Süden an Schwermut geſtorbe⸗
nen Mopſes vorgedrungen, beendigte ich für diesmal die Leſung
des deutſchen Klaſſikers, entſchloſſen, des folgenden Tages an
ein Ortlein hinüberzufahren, wo man ſeinerzeit einiges mehr
an Poeſie in Wort und Leben verſtand: an den Quell von
Vaucluſe!
Ein Tag am Quell von Vaucluſe.
(1857.)
„In una valle, chiusa d'ogn' intorno,
Ch' & refrigerio de' sospir miei lassi,
Giunsi, sol con Amor, pensoso e tardo.
Ivi non donne, ma fontane e sassi.
E l'immagine trovo di quel giorno,
Che' pensier mio figura ovunqu' io sguardo.“
Ein anmutiger Weg führt durch reich angebaute Campagnen,
mitunter auch durch einſames Heideland von Avignon oſtwärts
dem kahlen, mauergleich die Landſchaft abſchließenden Kalk⸗
gebirg entgegen, in deſſen vielfach zerklüfteten Abhängen Tal
und Flecken Vaucluſe ſich eines weltabgeſchiedenen Daſeins
erfreuen. Ein leichtes Fuhrwerk, befehligt von dem wackern
Avignoner Kutſcher Godefroi Lefort, welcher, um ſeine Lippen
nicht mit gottesläſterlichen Reden zu entweihen und doch an⸗
dererſeits der ſüßen Gewohnheit des Fluchens nicht zu ent⸗
ſagen, den ſeltſamen Kraftausdruck „grenouille de Dieu!“
als drittes Wort zu gebrauchen pflegte, trug uns an einem
fröhlichen Sommermorgen in holperndem Trabe dorthin.
Unweit des Städtleins L'Isle ſtießen wir auf eine ſeltſam
wandernde Geſellſchaft: etliche Männer in Bluſen zogen einen
tuchüberſpannten Wagen, darin ein blaſſes krankes Weib ſaß,
eine zigeunerartige Alte kam almoſenheiſchend zu uns herüber.
„D'où venez Vous?“ ſprach ich ſie an; ſie aber ſchüttelte das
Haupt und ſagte abwinkend: „Verſteh' nicht Franzöſiſch.“
Alſo fahrende Leute deutſchen Stammes auf offener Land⸗
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