Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 119
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 119

ſtraße zwiſchen Vaucluſe und Avignon. „Deutſch denn!“ fuhr
ich fort, „woher des Weges?“ — „Von Marſeille.“ — „Was
dort getan?“ — „Am Hafen gearbeitet, Lumpen geſammelt.“
— „Sonſt nichts?“ — „Ja doch.“ — „Was denn?“ — „Auch
Knochen aufgeleſen.“ — „Wohin jetzt?“ — „Heim, nach Sulz
im Elſaß. Es wird zu heiß in Marſeille.“ .. . Sie wieſen
uns zu förmlicher Legitimation ihren Paß vor. „Grenouille
de Dieu!“ ſprach Godefroi Lefort, der Kutſcher, da er die In⸗
ſignien des Kaiſerreiches auf ihrem Reiſeausweis wahrnahm,
„voilà des Français qui parlent un beau patois!“
.. . Es waren trübſelige Betrachtungen anzuſtellen über die
Beteiligung der Menſchen deutſcher Zunge an den Spenden
des Mittelmeers ... Vorüber, vorüber! ... Wir gaben den
Leuten von Sulz ein reichliches Almoſen und wünſchten ihnen
Glück zur Heimfahrt oder vielmehr zum ſelbſt⸗ſich⸗befördernden
Heimſchub.
Bald waren wir an Ort und Stelle. Vaucluſe und Petrarca!
es wird wenig Namen geben, die in der Überlieferung der
Menſchen ſo aneinander gelötet ſind wie dieſe zwei. Der alte
Poet iſt nicht nur geiſtig, ſondern auch volkswirtſchaftlich der
Patron von Vaucluſe geworden, man lebt und zehrt von ſeinem
Andenken, der Kutſcher verdankt ihm die Beſtellung ſeiner
Wagen, der Wirt den Beſuch ſeines Gaſthofes, der Fiſcher in
der Sorgue den Verkauf ſeiner Forellen. Darum ſteht auch
gleich bei der Einfahrt ein Obelisk mit der Inſchrift à Pé-
trarque, an der freilich etliche Buchſtaben abgefallen ſind, ſo
daß jetzt nur noch der Hieroglyph A.. TRA. QUE. ſichtbar
iſt. Der Gaſthof aber trägt das ſtattliche Schild: „Hôtel de
Laure et de Pétrarque!“
Man macht verſchiedentliche Erfahrungen an Wirtshaus⸗
ſchildern im Lauf eines zu häufiger Einkehr verurteilten
Lebens; — ſeit ich dereinſt zu Pompeji im Café restaurant
zum „Diomedes“ unweit der Eiſenbahn mein Beefſteak nach
der Karte und meinen Seefiſch verzehrt, konnte es nichts Er⸗
ſchütterndes mehr haben, auch bei der Laura und beim Petrark
einzukehren. Vielleicht daß unſre Enkel einſtmals in Seſen⸗
heim ein ſtattlich Wirtshaus „zur Friederike und zum Goethe“
oder bei Wetzlar eine Brauerei „zum Werther und zur Lotte“
vorfinden; — die Nachwelt hat verſchiedene Formen, ſich ver⸗
gangener Liebe zu erinnern.


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