Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 120
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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120 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Wir beſtellten eine Mahlzeit und gingen vorerſt, ehrfürchtig
wie ſich's an einem Orte geziemt, deſſen Wirtshäuſer ſolche
Namen tragen, zu der eine Viertelſtunde entfernten Quelle.
Petrarca war ein landſchaftlicher Feinſchmecker; es mag
einer in vieler Herren Länder ſuchen, bis er ein ſo reizendes,
zu einſamer Pflege der Muſen geeignetes, mit immer friſcher
Naturfülle das Gemüt anmutendes Ortlein gefunden, und wenn
von ihm nichts bekannt wäre, als daß er die üppig lärmende
Papſtſtadt am Rhoneufer verlaſſen, um an dieſem kühlrau⸗
ſchenden Felsquell feſtgeſiedelt ein otlum cum dignitate zu
pflegen, ſo würde es genügen, den Mann von gediegenem Ge⸗
ſchmack, den Kenner eleganter Natur zu bekunden.
Der Pfad zur Quelle der Sorgue, jener „dolce sentier, che
si amaro riesci“ zieht ſich auf deren rechtem Ufer, an einer
Felsgrotte, dem „trou du Coulobré“, das die Sage zur Be⸗
hauſung des vom heiligen Veranus vertriebenen Drachen
macht, den Felſen entgegen. Genüber ragen auf ſteilem Ab⸗
hang, von dunkelm Gebüſch und einer Gruppe von Pappel⸗
bäumen umſäumt, über verſchiedenen winkligen Häuſergrup⸗
pen und turmartigem Gebäu die Ruinen des Schloſſes von
Vaucluſe, das die Grafen von Toulouſe einſt erbauten und
ſpäter den Biſchöfen von Cavaillon abtraten, deren einer, Phi⸗
lipp von Cabaſſole, Petrarcas Zeitgenoſſe und Freund war,
von ihm durch Zueignung der Schrift de vita solitaria und
manches freundſchaftliche Sendſchreiben geehrt.
Die Landſchaft iſt äußerſt maleriſch, Stift und Pinſel zur
Nachbildung wahrhaft herausfordernd.
Mächtige, über 2000 Fuß hoch ſenkrecht aufſteigende Kalk⸗
felſen von grauer, oft gelblichbraun unterbrochener Färbung
umſchließen in pittoresken Formen das enge Tal. Ihre Wände
ſind kahl, faſt ohne alle Vegetation; nur den Ufern der Sorgue
entlang und vorn beim Flecken Vaucluſe üppiger Baum⸗
wuchs und graugrüne Olivenpflanzungen. Schutthügel, mit
Felsblöcken überſäet, ſtrecken ſich an den Abhängen, durch ſie
bricht ſich das rauſchende ſtarke Bergwaſſer Bahn.
Am Ende des Tales, da wo es durch eine kaum überſteigbare
rieſige Wand im wahrſten Sinne des Wortes abgeſchloſſen iſt
— in einer förmlichen Felſenſackgaſſe fanden wir denn, ſtill
und lauſchig, den Quell, die „Sorgia, rex fontium“, ein ruhig
tiefes, blaugrünes, wundervoll durchſichtiges Gewäſſer, das


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