Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 121
(PDF, 45 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0121
Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 121

reich und breit und gleich mit Stromesſtärke aus geheimnisvoll
unergründeter Spalte der Kalkwand zutage ſpringt und un⸗
mittelbar am Ende ſeines, einem Miniaturgebirgsſee ähnlichen
– in ſchäumendem Fall über moosdunkle Felſen talab
türzt.
Der Waſſerſtand war ein ſehr hoher; — zu andern Zeiten
ſenkt ſich oft, ohne äußerlich erkennbaren Grund, der geſamte
Quell und verſchlüpft faſt ganz in die Tiefen des Berges, ſo daß
man weit in die Höhlungen des ſeltſamen Baſſins hinabſteigen
ann.
Wenige Feigenbüſche, mühſam und ängſtlich an die Ritzen
des kahlen Geſteins ſich anklammernd, wiegten ihre ÄAſte über
dem klaren Spiegel; die Ruhe des Quells, die tiefe Durchſich⸗
tigkeit der Waſſerfläche, auf deren Grund hellgrüne Schling⸗
pflanzen die meerdunkle Farbe des Bergwaſſers unterbrechen,
kontraſtiert prächtig zu dem wenig Schritte davon beginnenden
milchweiß aufſchäumenden Sturz und Entrauſchen.
Hier iſt wahrhaft ein geſchloſſen Tal — ein procul abeste
profani! — ein Bad zu wohligem Herumplätſchern für Nym⸗
phen und Najaden und all in den Spalten wohnendes Gnomen⸗
volk — ein Ort der Erinnerung und träumenden Selbſtver⸗
geſſens, ein echter Poetenwinkel, geeignet, auch viel Jahr⸗
hunderte nach Petrarca bei kühler Sommerfriſche, genügen⸗
der „Naturverpflegung“ und einigen andern notwendigen Vor⸗
ausſetzungen einen epigoniſchen Mann zu Sang und wohllau⸗
tendem Auftönen der Seele zu begeiſtern.
Hier begreift ſich's, wie Petrarca bei der naturgetreuen
Schilderung des Tales, die er ſeiner vita solitaria (lib. II.
tractat. X. cap. 2) einflocht, ſich an den Ausſpruch Senecas
gemahnt finden mochte, daß der Anblick ſolcher nicht durch
Menſchenhand, ſondern durch Kräfte der Natur in die Felſen
gehöhlter Wölbungen das Herz mit frommem Schauer durch⸗
ziehe, und daß der plötzliche Ausbruch eines Fluſſes aus ver⸗
borgener Tiefe zur Gründung von Altären auffordere.
Es wollte mir wehmütig zu Sinn werden, da ich den Blick
in dieſer Felswildnis ſich ergehen ließ. Der landſchaftliche Ein⸗
druck iſt beinahe der gleiche wie auf der Inſel Capri — als ob
das Gebirg von Vaucluſe unter dem Meere ſich fortziehe bis
zum Buſen von Neapel und gegenüber dem Veſuv ſein Haupt
wieder aus den Wellen erhebe; — dort in den Abhängen des


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0121