Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 122
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0122
122 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Monte Solaro wie hier an Petrarcas Quell dieſelben hohen
Abſtürze von hellem Kalkſtein, dieſelben ſeltſamen Spalten und
Grotten, dieſelben Feigenbüſche und Oliven .. . mein Herz
wollte ſchier Heimweh bekommen nach den flachen Dächern
jenes glückſeligen Eilands, da es ſo lebhaft ſeiner gemahnt
ward.
Touriſten aus allen Weltgegenden haben ihre Namen an
die Felſen geſchrieben, gepinſelt, eingehauen .. . auch eine In⸗
ſchrift, wahrſcheinlich den Waſſerſtand betreffend, erſcheint an
der Felswand, wenig über der Höhe der Quelle. Eine fröhliche
Geſellſchaft war unten am Saume des Waſſers gelagert; Her⸗
ren und Damen hatten einen kühlen Trunk geſchöpft und ließen
ihn, nachdem ſie übrigens eine Anzahl Weinflaſchen ſchon vor⸗
her ausgetrunken, zu Ehren der Laura und ihres Freundes
die Runde machen ... Überall Petrarca, und nichts als Pe⸗
trarca! Zu Vaucluſe iſt kein Kraut wider ihn gewachſen.
Sein Wohl aber im Waſſer ſeines eigenen Quells zu trinken,
ſchien mir unangemeſſen. Darum, um auch meinerſeits dem
Ort und ſeinem Genius den ſchuldigen Tribut abzutragen,
ſtreckte ich mich hoch oben auf einer Felsplatte in den Schatten
und verfertigte, denn jede andere Form wäre hier eine Ver⸗
ſündigung geweſen, ein wohlgedrechſeltes Sonett, ſagte, was
ein gebildeter Menſch unter ſolchen Umſtänden ſagen kann,
Lob und Preis a) des Quells, b) des Mannes, der hier ſo
viele und ſchönere Sonette gemacht, ſchloß mit der angemeſſe⸗
nen Wendung:

. . . ein halb Jahrtauſend iſt talab gerauſchet,
Seit hier die Nymphen Lauras Freund belauſchet,
Stumm ruht die ſchatt'ge Wildnis und verſchwiegen,
Doch ewig ſtrömt, wie hier Petrarcas Quelle,
Der Dichtung Born in bergesfriſcher Welle:
Was aus der Tiefe kommt, kann nie verſiegen!

ſchnitt ſodann ein Blatt aus meinem Skizzenbuch, ſchrieb das
Poem reinlich darauf, verſchloß es in eine der Flaſchen, welche
die franzöſiſche Geſellſchaft unterhalb ſamt andern Frühſtücks⸗
trümmern zurückgelaſſen, und warf Flaſche und Sonett in
die Tiefe der Flut — gleich einem jener Weihgeſchenke, welche
die Sauerwaſſertrinker des Altertums nach glücklich vollbrach⸗
ter Kur den Nymphen zum Dank in die Quellen verſenkten.


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