Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 123
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 123

Da ich aber bei dieſer Gelegenheit, den Widerhall der Fels⸗
wände zu prüfen, mit ſtarker Stimme: „Petrark! Petrark!“
rief, klang leiſe gehaucht ein „.. . Arg! Arg!“ zurück, ſo daß
ich von jeder weitern Behelligung des Echo ſofort abſtand.
Noch lange blieb ich oben auf meinem Steinblock ſitzen, in
der Leſung der rime des Meiſters Francesco vertieft; das
Rauſchen des Quells und der flutende Wohllaut ſeiner Sonette
war zwiefache Muſik; vieles bekommt an Ort und Stelle erſt
ſeine Geſtalt, und ſcharf und plaſtiſch ſpringt oftmals ein Stück
Landſchaft, eine Felswand, ein Gebüſch, der Quell ſelber, ſo⸗
zuſagen der ganze Vaucluſer Lokaleindruck aus den melodi⸗
ſchen Sängen. Wie die Staatsweiſen herausfanden, daß ganze
Nationen eigentlich nur der menſchlich formulierte Ausdruck
ihrer Heimatserde ſind, ſo iſt's auch für Erkenntnis der Poeten
unerläßlich, den Boden ſeiner Schöpfungen zu kennen,

.. . „Scis, quo colle sedes? majestas quanta locorum est?“..

und hinterwärts von Langenſalza und Halberſtadt darf man
wohl bis an das Ende der Tage vor der Gefahr ſicher ſein, von
petrarchiſchen Sonetten überflutet zu werden.
Inzwiſchen hatte die Wirtin „zur Laura und zum Petrark“
ein treffliches Mittagsmahl bereitet und ſchickte ihren Boten,
der mich zu ſoliderer Beſchäftigung nach Vaucluſe zurückrief.
Mit Befriedigung überzeugte ich mich, daß für Petrarcas Früh⸗
ſtücke und geſamte „Naturverpflegung“ in dieſem einſamen
Tale genügend geſorgt und namentlich ſeine Feſttagstafel mit
erleſenen Gerichten ausſchmückbar war; der Quell vereinigt
das Nützliche mit dem Schönen und liefert nicht nur die An⸗
regung zu unſterblichen Geſängen, ſondern auch feine Aale,
ſchmackhafte Forellen und delikate Krebſe — bei lukulliſchem
Feſtmahl zu prangen würdig.
Nach vollbrachter Mahlzeit bemerkte der Kutſcher Lefort, es
ſei durchaus notwendig, auch Petrarcas Haus in Augenſchein
zu nehmen. Ich hieß ihn eine Flaſche Wein zu ſich ſtecken und
überſchritt unter ſeiner Führung die Brücke der Sorgue, um
ins Innere von Vaucluſe zu gelangen. Die Hauptſtraße des
Städtleins iſt ein durch den Fels gehauener Tunnel, Reſt des
Aquädukts, darin einſt die Römer das Waſſer der Quelle nach
den Niederungen von Arles hinüberleiteten.
Das Haus eines Herrn Tacuſſel, unmittelbar an die ſteilen


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