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124 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Nagelfluhfelſen angelehnt, deren weitere Wände die Reſte des
Schloſſes der Grafen von Toulouſe tragen, wird als das des
Dichters gezeigt.
Es mag ſein.. Lage und Hrtlichkeit ſtimmen ganz mit
den Beſchreibungen, die er ſelber von ſeiner Klauſe entwirft.
Ein einfach viereckig ſteinern Wohnhaus mit flachem Dach,
am Eingang rückwärts eine kleine Veranda, der von der Straße
hereinführende Gang von Reben umrankt, ein Garten mit
üppigen Feigenbüſchen und mächtigen Lorbeerbäumen, deſſen
Mauern von der kühlenden Flut der Sorgue umſpielt ſind...
alles im Schatten darüberhangender dunkler Felſen .. jen⸗
ſeits der Straße in kecken Linien die Ruinen des Schloſſes
emporſteigend: das war's ungefähr, was in jenem traulichen
Winkel, den einſt die Römer den Nymphen der Quelle ge⸗
weiht, zu erſchauen war.
Es lagert eine poetiſche Luft über jenem Ortlein; ich ent⸗
ſchied mich ohne weitere Kritik dafür, daß Petrarca wirklich
ſeine fünfzehn Vaucluſer Jahre hier verlebt, und begriff mehr
und mehr, wie er mit ſolcher Liebe ſeinem „geſchloſſenen Tal“
zugetan und oft in Verſuchung ſein konnte, ſich gänzlich per⸗
manent hier zu erklären.
Noch war das Haus, wie er es einſt geſchildert, jucundum,
solitarium, salubre et paucorum bene concordium hospitum
late capax..(Epistol. lib. VIII. ep. 118), noch ragte vorn
im Garten am feuchtfriſchen Ufer hoch und ſtolz der Lorbeer,
wie jener, von dem er einſt geſungen:
. . . cosl eresca 'l bel lauro in fresco riva
E chi 'l piantdò, pensier leggiadri et alti
Nella dolce ombra al suon dell' acque scriva!
noch ſtrömte murmelnd das Flüßlein vorüber, das einſt zu jeder
Stunde mit ihm geweint:
.. . 1 bel rio ch'ad ogni or meco piange,
das er, in dichteriſcher Lizenz der Beſchreibung, durch ſeine
Tränen anſchwellen machte,
— fiume che spesso del mio pianger cresci —
und in Erfüllung gegangen war die ſtolze Prophezeiung, die
er ſeinem Freund Olympus ausgeſprochen, daß in Zukunft
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