http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0125
Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 125⁵
bei vielen der Ort Vaucluſe nicht weniger durch ſeines Poeten
Namen als durch den wunderſamen Quell gekannt ſein werde...
(Opinari ausim, apud multos non minus locum illum meo
nomine quam suo miro licet fonte cognosci. Epistolar. lib.
VIII. ep. 116.) L
„Hier alſo“ — ſchrieb Meiſter Franciscus Petrarca dereinſt
ſelber — „hab' ich die Sorgen der Stadt mit ländlicher Ruhe
vertauſcht, dieſen Ort hab' ich nicht durch meine Wahl allein,
ſondern auch durch eine ländliche Mauer und, wie ich hoffe,
durch noch ſolideres Zement, durch Wort und Dichtung, nach
Kräften zu ſchmücken geſucht. Hier — denn mit Freuden denk'
ich daran — hab' ich meine,Africa' begonnen, mit ſolchem Un⸗
geſtüm und ſolcher Einſetzung geiſtiger Kraft, daß ich jetzt nur
wie eine Schnecke auf jenen Spuren einherſchleiche und faſt
ſelber von meiner Keckheit und dem großen Fundament des
Werkes erſtaune. Hier hab' ich keinen geringen Teil meiner
Epiſteln in gebundener wie ungebundener Rede und meine bu⸗
koliſchen Dichtungen vollendet — in einer Kürze der Zeit, dar⸗
über du dich verwundern würdeſt.
Kein Ort gewährte mir mehr Muße und ſchärfere An⸗
regung, die ausgezeichneten Männer aller Länder und Jahr⸗
hunderte um mich zu verſammeln; in jener Einſamkeit hab'
ich die vita solitaria und das otium der Religioſen in ein⸗
zelnen Abhandlungen auszuführen und zu preiſen unternom⸗
men. B
... In jenen Schatten endlich hofft' ich, die jugendliche Glut,
die mich ſo lange Jahre feurig verzehrte, zu kühlen; ſchon in
frühem Alter war ich gewohnt, dorthin wie zu einer feſten
Burg zu flüchten. Aber ach mir Unvorſichtigem! das Heil⸗
mittel ſelber wandte ſich zu meinem Verderben, die Sorgen,
die ich mitgenommen hatte, loderten hoch auf, in der öden
Einſamkeit war niemand, der mir löſchen half, ſo ward ich nur
um ſo verzweifelter entzündet, die Flamme des Herzens ſchlug
aus meinem Mund, und ich erfüllte Täler und Lüfte mit
klagenswertem, aber, wie manche geſagt haben, ſüßem Ge⸗
murmel. Hier entſtanden in der Vulgarſprache die Dichtungen
meiner jugendlichen Kämpfe, über die mich jetzt Reue und
Scham befällt, die aber bei allen, welche an derſelben Krank⸗
heit leiden, ſo ſehr beliebt ſind.
.. . Solang ich lebe, wird jener Sitz mir der angenehmſte
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0125