http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0126
126 Epiſteln und Reiſebilder. II.
ſein, durch die Erinnerung an meine jugendlichen Sorgen,
deren Reliquien mich noch in dieſem Alter beſchäftigten.
Aber wenn ich nicht ſelber mich irre: anderes hat der Mann
zu treiben, anderes der Jüngling. Ich hatte in jener Lebens⸗
zeit nichts anderes geſehen; richtiger Erwägung ſtand blinde
Liebe entgegen, Schwäche der Jugend und Mangel an Rat;
es ſtand entgegen die Ehrfurcht vor meiner Beherrſcherin, unter
deren Zepter zu leben mir mehr wert war, als Unabhängigkeit,
ja, ohne welche mir an Freiheit und Lebensfreude etwas fehlte.
Jetzt freilich hab' ich jene und alles, was Süßes übrig war, in
einem Schiffbruch verloren, und — nicht ſprech' ich's ohne
Seufzen aus — mein einſt ſo blühender Lorbeer (laurus), der
allein mir die Sorgue und die Durance herrlicher machte als
den Ticino, iſt von jähem Unwetter getroffen verdorrt ...“
Hier in dem lorbeerumbuſchten Garten an der Sorgue, in
dem „Hortulus qui fontibus imminet ac rupibus subjacet“
blieb mir denn wiederum nichts übrig, als dem Meiſter Fran⸗
cesco Petrarca eine Stunde der Erinnerung zu widmen.
Er war ein Mann eigenen Schlages, der große „Rimatore“
und „Sonettatore“; ſelten wird ein Poet in ſo mannigfalti⸗
gem, widerſpruchsvollem Bild auf die Nachwelt übergehen.
Die große Menge, die ſeinen Namen als einen berühmten
auf der Zunge führt, weiß freilich wenig anderes von ihm, als
daß er in ſeinen jungen Tagen nach Avignon kam und alldort
— wie das Baſler hiſtoriſch⸗geographiſche Lexikon von 1736
treffend bemerkt, „mit Laura, einem Frauenzimmer, bekannt
wurde, welche er gar ſehr liebte und in ſeinen Schriften auf
eine ungemeine Art herausſtrich“.
Andere wiſſen dann noch weiter, daß er für dieſe Laura
über zwanzig Jahre lang ſchwärmte, bis ſie, von der Peſt hin⸗
weggerafft, ihm entriſſen ward; daß er dann nach ihrem Tode,
wie das Leipziger Konverſationslexikon ergreifend zu berichten
weiß, „für alles dankte und wieder nach Avignon ging, wo er
am Grabe ſeiner Laura abwechſelnd dichtend weinte und wei⸗
nend dichtete“ — ja, daß er durch die Maſſe von Sonetten und
andern rime, die er behufs der „Herausſtreichung“ ſeiner An⸗
gebeteten fertigte, nebenbei auch Schöpfer einer italieniſchen
Lyrik und Dichtungsſprache ward.
Belehrt man ſich dann des näheren über jenes Verhältnis
zur Laura, ſo findet man in beſagter Konverſationslexikons⸗
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0126