http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0127
Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 127
überlieferung eine ſo glänzende, herzrührende Schilderung, daß
man begreift, wie der Wirt zu Vaucluſe noch fünf Jahrhun⸗
derte nach dem beiderſeitigen Tod ein ſolches Liebespaar auf
dem Schilde ſeines Gaſthofs verewigen konnte. Es wäre un⸗
recht, hier zu verſchweigen, was das unvermeidliche Leipziger
Lexikon hierüber des nähern vermeldet. „Laura war die Toch⸗
ter des Ritters Audibert von Noves und ſeit 1325 mit Hugo
von Sade in Avignon vermählt. Sie war eine der vollkommen⸗
ſten ihres Geſchlechtes, ihre Augen waren zärtlich und feurig,
ihre Augenbrauen glänzend wie Ebenholz, ihre Haare golden
und von der Hand des Liebesgottes ſelbſt geſponnen (!), ihr
Hals blendend, ihr Antlitz von einer Röte gehoben, welche die
Kunſt ſich vergeblich bemüht nachzuahmen, ihr Mund voll Per⸗
len und Roſen (!), ihre Stimme rührend und ſanft, ihr Gang
leicht und zierlich, und über ihr ganzes Weſen war bezaubernde
Anmut und reizvolle Sittſamkeit ausgegoſſen.
Petrarca zählte dreiundzwanzig Jahre, war ein blühender
Jüngling, lebenskräftig und wohlgeſtaltet, als er die Schöne
zum erſtenmal erblickte und die hellen Funken der Liebe in ſein
Herz niederfielen. Seine Seele, die das Feuer der Liebe noch
nicht empfunden hatte, ſtand auf einmal in vollen Flammen.
Er fiel in das Netz, worein bezaubernde Gebärden, engliſche
Wörtchen, Anmut, Sehnſucht und Hoffnung ihn fingen. (!)
Zwanzig Jahre lang liebte er dieſe Laura, ohne irgendeine an⸗
dere Gunſt als bisweilen einen freundlichen Blick oder ein ſanf⸗
tes Wort zu erhalten; neunmal iſt ſie Mutter geworden, und
die Blüten ihrer jugendlichen Reize und ihres Körpers fielen
ab, aber immer noch blieb ſie die Seele ſeiner Geſänge uſw.
Eine ſolche Liebe war nicht von gemeiner Art, ſie war geiſtiger
Natur (!) und wirkte geiſtig in den Dichtungen Petrarcas
1 19
„* *%
So der Mann von Vaucluſe, wie er bei löblichen Konver⸗
ſationslexikons⸗Abonnenten, alſo bei der Mehrzahl der „ge⸗
bildeten Welt“ fortlebt.
Sodann aber gibt es eine Gattung ernſter, zugeknöpfter
Leute, die gewöhnlich Brillen tragen, auf Liebesgeſchichten nicht
gut zu ſprechen ſind und es in betreff von Sonetten und Kan⸗
zonen mit ihrem Freund Cicero halten, der da ſagte: Und
wenn ich doppelt ſo alt werde, als ich bin, weiß ich doch nicht,
woher ich die Zeit nehmen ſollte, unſre lyriſchen Dichter zu
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0127