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128 Epiſteln und Reiſebilder. II.
leſen. Aber auch dieſe nicken bekannt, wenn ſie den. Namen
Petrarca hören, ſchlagen ein Handbuch der römiſchen Literatur
oder einen Band halliſcher Enzyklopädie auf und holen aus
einem wohleingeſchachtelten Paragraphen oder Artikel ein ganz
ander Bild des Mannes hervor. „Francesco Petrarcha“ —
klingt es uns da entgegen .. „Wiedergeburt des Altertums
durch Wort und Beiſpiel .. . in römiſchen Dichtern bewandert,
übertraf ſein Jahrhundert in Gelehrſamkeit (ſiehe unten!) ...
Großartiges formales Talent und feines Gefühl für die ver⸗
ſchollenen Reichtümer der antiken Welt .. . ohne Gelehrter
oder origineller Stiliſt zu ſein (ſiehe oben!) ... vereinzelte
Stellung, mitten in abſchreckender Barbarei der Scholaſtik ...
ſeinem Eifer gelang es bereits, einige Handſchriften, nament⸗
lich des Cicero, nebſt Münzen und andern Altertümern zu
ſammeln uſw.“
Reſpekt vor dieſem Petrarca, wie ihn deutſche Philologen
und originellere Stiliſten, als er ſelber einer war, ſich vor⸗
ſtellen! Wird euch nicht, als ſähet ihr ihn im Garten vor ſei⸗
nem Häuslein auf und ab wandeln, den langen Schlafrock um⸗
getan, die lange Pfeife rauchend, mit Wiedergeburt des Alter⸗
tums und „rechtſchaffner Erudition“ beſchäftigt? ...
Gedenk' ich aber eines Mannes am grünen Neckar, den ich
an manch ſchönem Sommertag auf der Kegelbahn des Heidel⸗
berger Muſeums ſo manch ſchönen Wurf ins Volle und nur
ſelten einen „Pudel“ ſchieben ſah, gedenk' ich des verehrten
Lehrers, der als oberſter Hofrichter über italieniſche Poeſie zu
Gericht ſitzt, dann kommt wiederum ein ander Petrarcabild
zum Vorſchein: weh dir, Meiſter Francesco, rauſche traurig,
o Quell von Vaucluſe, klaget, ihr Nymphen der Sorgue, zit⸗
tert, ihr Pappeln des Dichtergartens, zerſpringt, ihr Saiten
provenzaliſcher Mandolinen ... die deutſche Literaturhiſtorie
iſt über euern Freund gekommen, eine ſchreckliche Alte, unbe⸗
kannt der glücklichen Jugend der Menſchheit; ſie trägt ein
Schnurrbärtchen um die Lippen, Warzen am Kinn und vor
Rheumatismus ſchützende Filzſchuhe; mit Papierſchere und
Radiermeſſer werden die ſeligen Dichterleichen ſeziert, Exzerpte
und Aktenbündel herbeigeſchleppt, Totengericht gehalten und
das Urteil mit Entſcheidungsgründen ausgefertigt — alles ſo
gelehrt, ſo unzweifelhaft, ſo hochnotpeinlich, daß keine Be⸗
rufung und Begnadigung mehr möglich iſt. Armer Petrarca!
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