Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 129
(PDF, 45 MB)
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 129

auch deine Sündenregiſter ſind gefertigt, die Schleier gelüftet
— leg ab den Königsmantel, zahl die Sporteln deiner Ver⸗
urteilung und zeuch ein in das große Zucht⸗ und Arbeitshaus,
das die deutſche Kritik ſtatt eines Pantheons den Poeten zu
erbauen pflegt! Wie kann ein gebildeter Menſch noch künftig
nach Vaucluſe fahren und ſich mit Erinnerung an eine ſo zwei⸗
deutige Größe beſchäftigen?
„Petrarca iſt einer von jenen ſonderbaren Männern, welche
von zwei Seiten betrachtet werden können und müſſen; ein
Mann, der in ſeinem Leben viel Schein machte und auf Schein
hielt, um die Literatur aber ein außerordentliches, wirkliches
Verdienſt hatte; ein Mann, den der Schein unter ſeinem Volke
zum höchſten Grade des Ruhms erhob, den die Nachwelt ohne
ſein ſcheinloſes, ſtilles Verdienſt wenig achten würde, ein echter
Troubadour, an allen Höfen beliebt, allen ſchmeichelnd, der
doch zugleich das der Troubadourpoeſie feindliche und wider⸗
ſprechende Element der alten Klaſſiker eifrig hegte; ein Mann,
der in ſeinen Schriften in die Politik ſpielte, immer den alten
Ruhm und die Tugenden der freien Römer im Munde führte,
dabei aber allen großen und kleinen, weltlichen und geiſtlichen
Tyrannen und Unterdrückern der Freiheit den Hof machte, der
in ſeinen Schriften die glühendſte Vaterlandsliebe zum beſten
gab, aber nie in ſeinem Vaterland war und nichts dafür getan
hat, der nach ſeinem Charakter und poetiſchen Genie unendlich
tief unter Dante ſteht und leider einen unendlich größeren Ein⸗
fluß auf die italieniſche Poeſie gehabt hat.“
Wie kann man noch mit Seelenruhe im Gaſthof zur „Laura
und zum Petrarca“ frühſtücken, nachdem nachgewieſen iſt, daß
„ſeine und Lauras Liebe ohne Zweifel in der erſten Zeit wahr
geweſen, aber gleich von Anfang an etwas Ungeſundes, Gif⸗
tiges in ſich trug“, daß ihn „nur die Eitelkeit in dieſe Leiden⸗
ſchaft hineinriß, nur Eitelkeit und das ſchlaue Betragen der
Laura darin feſthielt?“
Wie noch das Haus an der Sorgue betreten, wenn man
weiß, daß der Sänger, während er ſeine ätheriſchen Sonette
ſchuf, darin mit einer Haushälterin gewirtſchaftet, ja, daß er
1337 durch die Geburt eines natürlichen Sohnes überraſcht
ward, nicht von Laura, ſondern von einer andern „Perſon“ in
Avignon, den man ins Kirchenbuch eintrug als natus de soluto
et soluta? Wie noch ſeine vierzehnzeiligen Ergüſſe leſen, jene
Scheffel. VIII. 9


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