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130 Epiſteln und Reiſebilder. II.
„ſinnliche Troubadourtändelei ohne Sinn und Gehalt, bloß
für den Schein und die äußere Form bearbeitet?“ wie ſeine
patriotiſchen Briefe, wenn er ſich anerkanntermaßen „zu einer
politiſchen Geſandtſchaft hergegeben, die auf ſeine Ehre ent⸗
weder in Hinſicht auf ſeine Moralität oder ſeinen Verſtand
einen häßlichen Flecken wirft?“
Armer Petrarca, eiferſüchtiger, neidiſcher, ſchmeichelnder,
kriechender, ſophiſtiſcher Windmacher, ſelbſt in das Laborato⸗
rium deiner Gedanken iſt man eingedrungen und hat die Re⸗
zepte gefunden, wie du deine Dichtungen gefertigt!
Und es iſt nicht zu leugnen, daß es ſehr komiſch klingt,
wenn man lieſt: „Ich habe dieſes Sonett auf Antrieb des Herrn
angefangen den 10. September bei Tagesanbruch nach meinen
Morgengebeten.“ — „Ich werde dieſe zwei Verſe von neuem
machen müſſen und ſie ſingen und ihre Folge umkehren. Drei
Uhr morgens, 19. Oktober.“ — „Dieſes gefällt mir. 30. Ok⸗
tober, zehn Uhr morgens.“ — „Nein, dieſes gefällt mir nicht.
20. Dezember, abends. Ich werde darauf zurückkommen; man
ruft mich zum Eſſen.“ — „18. Februar, gegen neun Uhr:
Jetzt geht dieſes gut, dennoch ſieh ſpäter noch einmal nach!“
Armer Petrarca, was das Ärgſte iſt, nicht einmal italieniſche
Proſa haſt du zu ſchreiben vermocht! Was für eine ſchlechte
Epiſtel haſt du an deinen Freund Jakob Colonna, den Biſchof
von Lombez, am 10. Juni 1338 geſchrieben! „Godo en queste
amene solitudini de Valclusa una dolce et imperturbata
tranquillità, el virtuoso et placidissimo otio de miei studj;
el tempo che mivaca de le volte passo a Cabrieres per
diportarme! Ah! se Vi fosse licito. Misser Jacomo, el di-
morare en la dicta Valle, di certo Vi rincrescereste di tutto
el mondo non che de la Corte del Papa. Son fermo en la
deliberatione di non più rivederla.“
Weißt du, Petrarca, wie das klingt?
„Seine Sprache, die in den Sonetten den höchſten Grad von
Feinheit, Eleganz und Korrektheit erreicht hat, ſteht in den
Briefen in dieſer Hinſicht nicht nur weit unter der Proſa Dan⸗
tes und Boccaccios, ſondern ſelbſt der geringern Dichter, ſo
daß man einen ganz andern Schriftſteller zu ſehen vermutet.“
Kurzum, es bleibt dem armen Meiſter nichts übrig, als hin⸗
zugehen zu den parnaßhütenden Drachen und um Verzeihung
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