Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 131
(PDF, 45 MB)
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 131

zu bitten, daß er überhaupt je gelebt und daß er „leider auf
die italieniſche Poeſie einen unberechenbaren Einfluß ausge⸗
übt“ — und ſich zu bedanken für die gnädige Strafe; denn
wenn man erwägt, daß ſeine Sonette die Schuld tragen, daß
„durch dieſe armſelige Form das italieniſche Volk mehrere
Jahrhunderte lang in Lethargie verſenkt ward“, ſo ſollte von
Rechts wegen ſein Andenken gebrandmarkt, ſeine Aſche in die
Winde zerſtreut, ſein Haus an der Sorgue dem Boden gleich⸗
gemacht, der Quell von Vaucluſe mit Kupfervitriol zerſetzt und
das ganze Tal polizeilich abgeſperrt und ſeine Betretung bei
Strafe unterſagt werden.
Armer Petrarca, warum haſt du dein Leben nicht anders ein⸗
gerichtet, daß dich die deutſchen Unſterblichkeitsregiſtratoren
gnädiger behandelten? Es wäre nicht ſo ſchwer geweſen, ihren
Beifall zu verdienen. Warum haſt du nicht mehr Hunger, Durſt,
Dachſtubenentbehrungen und Kandidatenjammer ausgeſtanden,
wie es einem rechtſchaffenen Talente geziemt? Warum deine
Bildung nicht darauf verwendet, Sekretär der päpſtlichen Kanz⸗
lei in Avignon zu werden und tapfer auf Abſchaffung der Hier⸗
archie und ihrer verjährten Mißbräuche zu dringen? Warum
nicht gemäßigte Oppoſition gemacht und auf Gründung parla⸗
mentariſcher Einrichtungen am Papſthof hingewirkt? Warum
nicht ein Avignoner Volksblatt herausgegeben, den „Wächter
an der Rhone“, den „Gegenpapſt“, den „babyloniſchen Turm“
oder ähnliches, und dich mit freimütiger Beſonnenheit gegen die
barbariſche Finſternis des Jahrhunderts und für die Gasbe⸗
leuchtung ausgeſprochen?
Warum haſt du ſo wenig Luſt gezeigt, dich als Märtyrer
der guten Sache von den Scheiterhaufen der Inquiſition ver⸗
brennen oder wenigſtens etwas ſchwarz anröſten zu laſſen?
Warum es für ein Ziel deines Strebens gehalten, in feierlicher
Krönung auf römiſchem Kapitol dem eignen Haupt den Lorbeer
zu erringen, anſtatt unter die Birbanten und Rezenſenten zu
gehen und andern Lorbeerträgern den ihrigen vom Kopf zu
reißen? Warum endlich hat es dir beſſer behagt, von der leicht⸗
ſinnigen Königin Giovannina von Neapel dir den alternden
Bart krauen zu laſſen, als ihr geharniſchte Grobheiten über ihr
unzuchtfreudiges Leben ins lächelnde Antlitz zu ſchleudern?
Petrarca, ein guter Staatsbürger, ein echter Tyrannenfeind
hätte anders gehandelt!

9*


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