Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 132
(PDF, 45 MB)
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132 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Es mag ſein! ... Die Toten ſchlafen ruhig und laſſen ſich
vieles gefallen, bis ſie aus den Gräbern ſteigen.
Es war mir ziemlich gleichgültig, was in den „ſchwarzen
Büchern“ der Nachwelt über den Mann eingetragen ſteht, deſſen
Haus ich beſuchte; der Geſchichtſchreiber hat das privilegium
odiosum, aus den Gewändern der Dahingeſchiedenen den Staub
herauszuklopfen — andere freut anderes.
Im Schatten der Gartenmauer an der Sorgue gelagert, las
ich wiederum im Buch der Reime und weil mir das Sonett:
per mezz' i boschi inospiti e selvaggi juſt gut gefiel, begann
ich's zur Kurzweil frei zu verdeutſchen und ſchrieb in mein
Taſchenbuch wie folgt:

Petrarcas Wanderlied.

Ardenniſcher Wald, unheimlicher Tann!
Kaum durchreitet in Harniſch und Hekm ſonſt ein Mann
Das Revier der Räuber und Diebe.
Doch wehrlos wandr' ich — es ſchreckt mich nichts,
Ich wandre dahin in den Strahlen des Lichts,
Des Lichts lebendiger Liebe.

Und ich ſinge mein Lied — o du täuſchender Traum,
Als trüg' es herüber trotz Zeit und trotz Raum
Sie, die meine Augen ſuchen.
O du täuſchender Traum! Schon wähn' ich ſie hier,
Viel Damen und edle Fräulein bei ihr,
. . . Doch ſind's nur Tannen und Buchen!

Und horch! Was ſchlägt an mein lauſchend Ohr?
Rauſcht nicht aus Äſten und Zweigen hervor
Ihrer Stimme melodiſches Grüßen?
O du täuſchender Traum! — nur der Vogel ſingt,
Über Moos und Kräuter der Bergquell ſpringt
Und murmelt leis im Entfließen.

Keines Menſchen Fuß halt weit und breit.
Der ſchweigende Hauch der Waldeinſamkeit
Umweht mich mit ſchauernder Wonne.
Ardenniſcher Wald, wie hätt' ich dich gern,
Stünd' deinem Dunkel nicht allzufern
Meiner Liebe leuchtende Sonne! —


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