Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 134
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0134
134 Epiſteln und Reiſebilder. II.

römiſcher Aquädukte und gräflicher, im zwölften Jahrhundert
gegründeter Schlöſſer verübt haben mußte.
Alſo wieder ein anderer Petrarca!... Ich habe mich ſehr
gehütet, die Dienerin des Hauſes Tacuſſel mit den Ergebniſſen
bekannt zu machen, welche die Geſchichte der italieniſchen Poeſie
in betreff des großen Seigneur von Vaucluſe herausgeklittert.
„Soll leben, der gute Moussu!“ ſprach ich wiederum und
ſtieß mit ihr an. L
Unterdes war Godefroi Lefort, der Kutſcher, an die Fels⸗
wand hinübergegangen und kam mit einem wahren Gebüſch von
Lorbeer in der Hand zurück. „Monsieur,“ ſprach er, „un sou-
venir de Pétrarque!“
Er ergriff ohne weiteres meinen Hut und ſteckte einen Zweig
darauf: „grenouille de Dieu!“ fuhr er fort und zeigte auf
mein unvorſichtigerweiſe offen an der Mauer liegen gebliebenes
Taſchenbuch — „j'ai bien vu que vous êtes poëte vous-même,
ça me parait bien belle chose, d'être poëte!“
Und auf die Gefahr hin, für immer der Eitelkeit und des
Strebens nach nichtigem Ruhm gezichtigt zu werden, geſtehe ich,
daß ich mich nicht ſträubte, da der Kutſcher Godefroi Lefort in
Anerkennung des Anteils, den ich für Petrarca hegte, das Lor⸗
beerreis aus ſeinem Garten auf meinen Hut ſteckte:

.. . porrige ramum,
quem sacra castaliae regnatrix tradidit almae

illius hic, nostrumque simul tibi munus habeto!
(Petrarca, carmen bucolic. Ecloga 3.)

Am 8. April 1341, da die Glocken von Ara coeli Roms ſüße
Müßiggänger auf das Kapitol beriefen, da die Fahnen wallten,
die Jubelhymnen ertönten und, von ſcharlachgekleideten Edel⸗
knaben, von Patriziern und Senatoren geleitet, der Poet von
Vaucluſe aus Orſo von Anguillaras Hand droben am heiligen
Mittelpunkt der Stadt den Lorbeer empfing — mag es etwas
feierlicher zugegangen ſein; ... heutzutage iſt man weſentlich
beſcheidener geworden und darf ſich höchlich freuen, wenn einem
überhaupt noch, und wäre es von Kutſchers Hand, ein Lorbeer
aufgeſteckt und nicht vielmehr mit Fauſtſchlägen der Hut „an⸗
getrieben“ und Tinte ins Antlitz geſchüttet wird.
Im ſtillen aber dacht' ich: Wackerer Roſſelenker von Avi⸗
gnon! wenn du wüßteſt, was für Freuden am Lebensweg eines


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