Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 135
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 135

Poetleins des neunzehnten Jahrhunderts wachſen; wenn du
wüßteſt, was für böſe, böſe Männer in Leipzig und anderwärts
hauſen, die unſereins wie Sardellen behandeln, die Köpfe ab⸗
ſchneiden, das Herz ausweiden, ranzig Ol über uns gießen und
Leiche an Leiche in die Totenſchreine ihrer Geſchichtskompen⸗
dien einmarinieren; — wenn du wüßteſt, wie wenig es ſich, wo—
fern du nicht wenigſtens „bürgerlicher Realitätenbeſitzer“ biſt,
rentiert, wenn „ein waltender Gott den hohen Geſang dir ver⸗
liehn hat,“ wie die Laura von heutzutage, und wenn du eine
Million Sonette zu ihrem Preis ſängeſt, dir doch einen Korb
gibt, um dem Salomon Alpari oder einem andern ſtreitbaren Mann
vom Crédit mobilier die Hand zu reichen: . .ich zweifle,
wackerer Godefroi Lefort, ob du noch einmal ſagen würdeſt:
Ca me parait bien belle chose, d'être poète!
Den Lorbeerzweig aus Vaucluſe aber habe ich unverſehrt
in die Heimat eingebracht und der Sammlung anderer ſelbſt⸗
errungener Reichskleinodien von gleich realem Wert einverleibt.
— Ich hielt die Merkwürdigkeiten von Vaucluſe für er⸗
ſchöpft, als ich meinen Schritt von Petrarcas Haus zum Gaſt⸗
hof zurücklenkte.
Aber das alte Kirchlein des heiligen Veranus am Eingang
des Ortes lag allzu maleriſch und anmutend da, als daß ich es
unbeſucht laſſen konnte.
Seine Formen ſind einfach, frühromaniſch, durch ſpätern
Überbau teilweiſe verdeckt; ein Glockenturm ohne Dach, an deſſen
einer Seite eine erhöhte Giebelwand zur Aufnahme der Glocke
beſtimmt iſt, gibt ihm einen eigentümlichen Charakter. In
feinen Linien erhöht ſich über der Kirche der felſige Hügel mit
den hellglänzenden Ruinen des Schloſſes, hoch und kahl ſchlie⸗
ßen die ſenkrecht emporſtarrenden Kalkwände, aus deren Schluch⸗
ten der Quell entſtrömt, den Hintergrund . .. ein ganz ſüdliches
Bild, darin die Wildnis des nackten Gebirges von den verſchie⸗
denen Architekturen pikant unterbrochen wird.
Des Pfarrhofs alte Schaffnerin kam herüber, zündete ein
Licht an und führte mich zu der Kapelle des Heiligen, dem
älteſten Teil der Kirche, deſſen plumpe Bogen auf antiken, viel⸗
leicht dem ehemaligen Heiligtum der Quellennymphen entnom⸗
menen kannelierten Säulen ruhen. Andere antike Fragmente
ſind in die Wand eingemauert, und auf plumpem Untergeſtell
ruht ein ebenſo plumper, mächtiger, aus einem Stück gehau⸗


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