Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 136
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0136
136 Epiſteln und Reiſebilder. II.

ener Steinſarkophag, ein Werk des ſechſten Jahrhunderts, einſt⸗
mals beſtimmt, die ſterblichen Reſte des heiligen Veranus, Bi⸗
ſchofs von Cavaillon, der hier ums Jahr 540 „in praediĩo suo
cellulam in honorem Dei genitricis construxit, aufzuneh⸗
men.
Der heilige Veranus, ein Kirchenmann, Einſiedel und Bi⸗
ſchof in wüſter merovingiſcher Zeit, dem die Sage Beſchwörung
und Bändigung des Drachen im „trou de Coulobré“ ohnweit
der Quelle zuſchreibt, hat lange vor Petrarca das Tal berühmt
gemacht; von ihm ward auch die Kapelle auf dem Gipfel des
rieſigen Felſens über dem Quell erbaut; ſein Grab war im
Mittelalter ein vielbeſuchter Wallfahrtsort auch von Petrarca
(z. B. de vita solitaria lib. II. tract. 10. cap. 2) mannigfach
erwähnt, in der erſten Revolution aber verwüſtet und ſeither
beinahe vergeſſen.
„Der Herr Curé hat alles genau beſchrieben,“ ſagte die
Schaffnerin, „das müſſen Sie leſen!“ und ſie ging und brachte
mir die notice historique sur le tombeau de St. Véran, von
Abbé André, dem Pfarrer von Vaucluſe, verfaßt. Beim flak⸗
kernden Schein ihrer Kerze in der Veranuskapelle ſchlug ich das
Büchlein auf und las betroffen die erſten Zeilen:

„II serait temps, qu'on en finit avec Laure, Pétrarque et
leurs amours! Est-ce donc une chose si étonnante et si rare
que l'amour d'un poëte pour une femme quelconque? ..“

Der Herr Cursé iſt nämlich weidlich erzürnt, daß alle Be⸗
ſucher ſeines Tales nur zu den Reliquien Petrarcas wallfahr⸗
ten und ſucht mit ſeinem ſtrengen, magern meropingiſchen
Heiligen dem verliebten Kanonikus und Archidiakonus des vier⸗
zehnten Jahrhunderts eine gefährliche Konkurrenz zu machen.
Aber ſeine eigene Haushälterin iſt, wie ich mit Bedauern wahr⸗
nehmen mußte, noch nicht von ihm bekehrt.
„Eine ſchöne Kapelle,“ ſprach ich zu ihr, „ich danke Ihnen,
daß Sie mir ſie gezeigt!“
„Ja,“ ſprach die Schaffnerin, „und in dieſer Kapelle
hat Petrarca die Laura zum erſten Male geſehen!
Sie trug einen grünen Mantel mit Violen geſtickt damals!!“
ꝛ. Il serait temps, qu'on en finit avec Laure, Pétrarque
et leurs amours!! Guter Pfarrer von Vaucluſe, die Zeit
ſcheint noch nicht gekommen zu ſein, und der heéilige Drachen⸗


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