Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 137
(PDF, 45 MB)
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 137

töter Veranus wird das Andenken an den Poeten nicht mehr
verdrängen! Wie einſt die ioniſchen Städte um die Wiege
Homers, ſo ſtreiten die Kirchen von Avignon, von Vaucluſe,
von Cabrières, von Sade, von L'Isle und vielleicht noch manche
andere um die Ehre, auf ihrem Steinpflaſter zum erſtenmal
Lauras Glanz ihrem Freunde gezeigt zu haben, und wiewohl
er ſelber zur Hebung aller Zweifel in dem berühmten Eintrag
auf das Titelblatt ſeines Virgilius, den jetzo die ambroſiani⸗
ſche Bibliothek zu Mailand bewahrt, verſichert, daß jene erſte
Begegnung im Jahre des Herrn 1327 am 6. April in früher
Morgenſtunde zu Avignon in der Kirche der heiligen
Clara ſtattgefunden, und wiewohl der Pfarrer von Vaucluſe
ein eigen Büchlein verfaßt in der Abſicht, den Petrarca⸗ und
Laurakultus mit Feuer und Schwert zu vertilgen: ſeine Haus⸗
hälterin iſt die Penelope, welche die Fäden wieder auftrennt,
die ihr Herr ſorgſam gewoben; von dem alten Heiligen im
Steinſarg weiß ſie nichts, von Petrarcas ungeeigneten Titel⸗
blatteinträgen in ſeinen Virgil ebenſowenig: aber ein Liebes⸗
paar in dieſer Kapelle, die ſo eng iſt, daß die erſte Begegnung
jedenfalls eine ſehr nahe geweſen ſein müßte, das wäre doch
„une bien belle chose“, und mag der Herr Pfarrer noch zwan⸗
zig Bücher ſchreiben, die Frauen und Jungfrauen ſeines Kirch⸗
ſpiels werden doch auf Seite der Dichtung gegen die Geſchichte
kämpfen und Petrarca bleibt doch oben L

. . . lateque sonorum
nomen habet: quae rura Padus, quae Thybris et Arvus,
quae Rhenus Rhodanusque secant, quaeque abluit aequor,
Omnia jam resonant pastoris carmine nostri.
(Petrarca carm. bucol. Ecloga I. „Parthenias“.)

Was mich anlangt, ſo hatte ich dem Meiſter Petrarca einen
fröhlichen Tag zu verdanken, der im Buch der Erinnerungen mit
Rotſtrich verzeichnet bleibt, und fuhr darum vergnügt in kühler
Abendluft wieder von dannen. Und wie ein jeder ſein eigen
Ellenmaß für den Dichter von Vaucluſe hat, ſo habe auch ich
das meine.
Die Schwachheiten und Sünden ſeines Privatlebens gehen
mich lediglich nichts an. In betreff ſeiner Poeſie halt' ich es
mitunter mit Vittorio Alfieri, der in ſeinen handſchriftlichen


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