http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0139
Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 139
dialogiſcher Form die Luſt (Gaudium) und die Vernunft (Ra⸗
tio) ſich über verſchiedene Lagen des Menſchenlebens beſprechen,
und lautet wie folgt:
„De scriptorum fama. Dialogus.“
Das Gaudium ſpricht: „Jetzt ſchreib' ich ſelber Bücher.“
Die Ratio ſpricht: „O der öffentlichen, anſteckenden, un⸗
heilbaren Krankheit! Alle und alle maßen ſich das Amt des
Schreibens an, was doch nur wenigen zuſteht, und einer, der
von dieſem Übel ergriffen iſt, ſteckt viele an. Den Guten es
gleichtun, iſt gewagt, Nachahmen ſchwierig: daher wird täglich
ſowohl die Zahl der Kranken als die Gewalt der Krankheit be⸗
denklicher, täglich wird mehr, täglich ſchlechter geſchrieben, denn
nachtreten iſt leichter, als ſelbſt anſtreben.
In der Tat in Erfüllung gegangen und durch die Zeit noch
berühmter geworden iſt der Ausſpruch jenes hebräiſchen Weiſen:
„Des vielen Büchermachens iſt kein Ende mehr.“
Gaudium. „Doch ſchreib' ich.“
Ratio. „O daß doch die Menſchen ſich innerhalb ihrer
Schranken hielten und die Ordnung der Dinge beſtehen bliebe,
die jetzt durch der Sterblichen Vermeſſenheit umgeſtoßen wird:
ſchreiben ſollen die, die etwas wiſſen und können, die andern
ſollen leſen oder zuhören! Iſt es denn ſo ein kleiner Genuß
des Geiſtes, etwas zu verſtehen, auch wenn die Hand nicht alſo⸗
gleich anſpruchsvoll zur Feder greift? und iſt ein jeder, der
einmal etliche Seiten eines Buches verſtanden hat oder zu ver⸗
ſtehen glaubt, darum ſogleich fähig, ſelber Bücher zu ſchreiben?
Möchte man doch dem Gedächtnis jenes Wort Ciceros ein⸗
prägen, das er auf ſeinem Tusculum ſprach: ‚Es iſt möglich,
daß einer richtig denkt und doch, was er denkt, nicht beredt aus⸗
drücken kann.“ L
Und jenes andere: ‚Wer aber ſeine Gedanken zu Büchern
ausſpinnt, ohne daß er ſie zu disponieren oder zu erläutern
oder mit irgendeinem Reiz den Leſer anzulocken verſteht, der iſt
ein ſ eine Muße wie Wiſſenſchaft unanſtändig mißbrauchender
Menſch.“
Wie ſehr hat Cicero recht — er, der einſt nicht aus trocken
rinnenden Bächlein, ſondern aus dem Quell der Wahrheit ſelber
das ſchöpfte, was er ſchrieb.
Und doch ſchreibt jetzo ein jeder — nicht nur fremde Schrif⸗
ten, ſondern auch eigene, neue; zweifelhafte und verdammte
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0139