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140 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Lehren werden in die Welt eingeführt und in ungebildetem,
bäueriſchem Stil vorgetragen, ſo daß, wenn auch die Kraft des
Ingeniums darin fehlt, jedenfalls an Verluſt der Zeit, Plage
der Ohren und ſchwerem Ekel kein Mangel gelitten wird. Das
iſt heutzutag die Frucht der Erfindungen: Infizieren oder
Affizieren, niemals aber oder nur ſehr ſelten: Heilen. Alles
aber ſitzt eifrig am Büchermachen, in keinem Jahrhundert war
ſolcher Überfluß an Schreibenden und Lehrenden, ſolcher Man⸗
gel an Wiſſenden und Beredten. Darum trifft dann wiederum
ein, was Cicero ſagt: ‚Und ſo müſſen ſie ihre Bücher ſelber mit
ihren Angehörigen leſen, und kein anderer greift danach als
die, die dieſelbe Freiheit des Schreibens für ſich in Anſpruch
nehmen. Und die Zahl dieſer iſt leider heutzutag größer als
zu Ciceros Zeit, alle wollen ſie jene Freiheit, und ſo machen ſie
einander gegenſeitig Mut und treiben einander an, indem ſie
hohles Zeug ſchreiben, hohles Zeug loben und durch falſches
Lob anderer ſelbſt wieder Lob ergarnen. L
Bei dieſer Frechheit der Schriftſteller und dieſer Konfuſion
der Dinge weiß ich nicht, wie lang es dir bei deinem Bücher⸗
ſchreiben gefallen wird.“
Gaudium. „Ich ſchreib' eben doch Bücher.“
Ratio. „Du würdeſt beſſer tun, zu leſen und das Geleſene
zu Regeln des Lebens umzuwandeln. Dann erſt wird die Kennt⸗
nis der Schriften von Nutzen, wenn ſie zur Tat übergeht und
ſich praktiſch bewährt, nicht mit Worten.
Im andern Fall geht oftmals in Erfüllung, was geſchrieben
ſteht: Wiſſenſchaft macht aufgeblaſen!“ Vieles und Gro⸗
ßes klar und ſchnell auffaſſen, hartnäckig im Gedächtnis bewah⸗
ren, beredt ausſprechen, kunſtreich niederſchreiben und ange⸗
nehm wiedergeben: was iſt all das, wenn es nicht aufs Leben
bezogen wird, anders als Werkzeug unnützen Überhebens, leere
Mühſal und Geräuſch?“
Gaudium. „Ei was, ich ſchreibe.“
Ratio. „O wie wäre dir beſſer, das Feld zu pflügen, Vieh
zu weiden, Leinwand zu weben, Seemann zu werden. Viele, die
die Natur zu mechaniſchen Künſten geſchaffen, treiben wider
Trieb und Neigung Philoſophie. Und im Gegenteil, andre, zur
Philoſophie Taugliche hat das Schickſal auf Feld und Weide ge⸗
boren werden laſſen oder hält ſie auf den Schemeln der Hand⸗
werker, auf den Bänken der Ruderer gefeſſelt. Daher kommt,
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