Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 141
(PDF, 45 MB)
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 141

worüber die des Grundes Unwiſſenden ſtaunen, daß auf hoher
See, auf dem Land, in Wäldern und Werkſtätten ſcharfe und
aufrechte Geiſter anzutreffen ſind, in den Schulen blutleere,
blaſſe und niedergebeugte — denn die Natur iſt ſchwer zu be⸗
ſiegen, wenn ſie auch beſiegt wird.“
Gaudium. „Ich ſchreib' hitzig drauf los.“
Ratio. „Wieviel hitziger noch haben andre vor dir ge⸗
ſchrieben, aber ihre Hitze iſt gelöſcht, und man wußte nicht, daß
ſie je geſchrieben, wenn ſpätere es nicht aufgezeichnet. Kein
menſchlich Ding hat langen Beſtand, und aus ſterb⸗
licher Arbeit wird nichts Unſterbliches geſchaffen.“
Gaudium. „Lieles ſchreib' ich.“
Ratio. „Wieviel mehr haben andere geſchrieben! Wer zählt
die Bücher des Cicero oder Varro? Wer die Werke des Titus
Livius oder Plinius? Ein einziger Grieche hat, wie die Sage
geht, ſechstauſend Bücher herausgegeben. Der Mann muß
einen ſprühenden Geiſt und lange ruhige Muße gehabt haben,
wenn die Sache wahr iſt. Wenn es ſchon etwas Wunderbares
iſt, ſo viele Bücher zu leſen, um wieviel wunderbarer, ſie ge⸗
ſchrieben zu haben.
Es wäre allzu lang, aufzuzählen, wieviel Männer bei euch,
wieviel bei den Griechen, und was ſie geſchrieben; keiner iſt ſo
glücklich, ganz und voll von uns ſtudiert werden zu können, da
iſt ein Stück, dort ein großer Teil, von einigen alles zugrund
gegangen. Schau nun zu, welch Los du dem deinigen prophe⸗
zeien willſt!“
Gaudium. „Ich ſchreibe, denn das iſt mein einzig Ver⸗
gnügen.“
Ratio. „Wenn du ſchreibſt, um dein Talent zu üben und
andre zu belehren oder um die ſchlechten Zeiten zu vergeſſen
und in der Erinnerung an die Vergangenheit dem Ekel an der
Gegenwart zu entfliehen: ſo magſt du entſchuldigt ſein. Schreibſt
du aber nur, um der verborgenen und unheilbaren Schreib⸗
krankheit los zu werden, ſo dauerſt du mich. Denn, wenn du's
noch nicht weißt, es gibt Leute, die nur ſchreiben, weil ſie es
nicht laſſen können, ſie rennen einen Abgrund hinab,
wollen nicht ſtillhalten und werden dahingeriſſen.“
Gaudium. „Mein Ungeſtüm zu ſchreiben iſt ungeheuer.“
Ratio. „Es gibt unzählige Arten von Melancholie: einige
werfen mit Steinen um ſich, andre ſchreiben Bücher; bei dem


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